Das Jahr 1945 ist ein Wendejahr in Japan: das Land wird besiegt und dramatisch zerstört, das Volk gedemütigt, von einem Tag auf den anderen ist alles anders, auch musikalisch. Am 2. September kapituliert Japan, der Zweite Weltkrieg ist auch in Japan vorbei. Das Bündnis mit dem Deutschen Reich ist Geschichte, es bestand vor allem in grenzenloser Eigensucht und in der kompromisslosen Ablehnung aller Friedens- und Kapitulationsaufforderungen.

Die Musik spielte eine politisch tragende Rolle, schon seit den 1870er Jahren, der Meiji-Zeit, in der sich Japan zur Nation formte. Das gerade geeinte Deutschland wird Vorbild und Ideal; die junge deutsche Nation, die ihre Musik so kraftvoll für die Einigung verwendete, die mit Chorälen das Schulvolk erzog, wird erklärter Maßstab. Die deutsche Musik vermittelt Siegessicherheit, Japan lernt schnell, es will kämpfen und dafür Musik importieren, besser gesagt: institutionalisieren.

Japan kennt rund 60 Begriffe für Musik, die nicht nur verschiedene Genres bezeichnen, sondern auch eine Abgrenzung in Milieus bedeuten. Zur Nationenbildung brauchte Japan eine Musik, die das Volk einte. Dazu diente die westliche oder auch abendländisch genannte Musik, auf Japanisch seiyo ongaku oder nur ongaku, das neu geprägte Wort für die neue Musik der neuen Nation.

Stärke und Sieg


Durchhalte-Parolen und Kampfgeist, Stärke und Sieg - das verband das japanische Publikum mit Beethovens Symphonien. Ein Zyklus aller Beethoven-Symphonien begleitet die letzten Kriegsmonate. Japan weiß um die politischen Codes der Musik; als die politische Wende kommt, steht von einem Tag auf den anderen Mozart auf dem Programm. Die mit der Kriegsideologie verknüpfte Musik war nun mit dem verlorenen Krieg verbunden, Japan wandte sich den Siegern zu, dazu wurde Mozart gegeben.

Beethoven und Samurai - das japanische Krieger-Ideal, das unbedingte Loyalität und Tapferkeit bis in den Tod forderte, fand eine musikalische Verwandtschaft. Der Historiker Hans-Joachim Bieber erkennt die ideologische Verwandtschaft zwischen dem japanischen Ritter-Ideal der Samurai und der NS-Elitegarde SS: zwei kleine Eliten, aristokratischen Kasten gleich, die das Land beherrschen und transformieren sollen. Um das ideologische Programm von SS und Samurai wissenschaftlich zu untermauern, bemühten sich Wissenschafter in Deutschland wie in Japan, aus literarischen, religiösen und mystischen Quellen die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Die Wissenschaft, die die germanisch-japanische Seelenverwandtschaft suchte, hatte längst ihre Seele an die politischen Regime verkauft. Unter diesen Nachwirkungen litt die deutsche universitäre Japanologie bis in die 60er Jahre.

Zu den von der deutschen Herrenrasse als minderwertig angesehenen Völkern gehörten auch die Japaner. In Hitlers Kategorisierung gibt es drei Stufen: ganz oben die Kulturschöpfer - selbstredend die Deutschen -, dann die Kulturträger, die von Kulturschöpfern abhängig sind, und schließlich die Parasiten, die die kulturschöpferische Rassen zerstören. Die "kleinen Japaner" - wie Hitler das asiatische Volk nennt - werden von ihm in die mittlere Kategorie eingereiht. Die Basis für die Bündnispolitik war mehr symbolisch als militärisch, verbunden waren die Staaten in ihrer Diskriminierung auf der Weltbühne, im Antikommunismus und im Austritt aus dem Völkerbund 1933.

Die kulturellen Beziehungen seit 1933 entwickeln sich stetig: in der Gründung wechselseitiger Kulturinstitute, der Entsendung von deutschen Lektoren nach Japan, der Gründung von Auslandsorganisationen der NSDAP. Der Kulturaustausch seit 1933 war ein Machtkampf, ausgetragen auf dem Rücken der Musik. Die Waffen des Kampfes waren Anstellungen und Kündigungen der staatlichen Lehranstalten, Orchesterproben und Konzerte, Radioübertragungen und Opernaufführungen.

Exillland Japan


Unter denen, die in den 1930er -Jahren in Japan lehren, sind aber auch jene, die unter die Nürnberger Rassegesetze fallen und vor NS-Verfolgung nicht gefeit sind. Japan wird - obwohl Bündnisland von NS-Deutschland - zum Exilland. Zahlenmäßig sind es wenige Emigranten, aber in ihrer Funk- tion sind sie bedeutend, in jener Phase, in der Japan sein symphonisches Musikleben aufbauen will. Der Aufbau der Orchester geht Japan über alles. Der Einfluss der deutschen NS-Behörden auf das japanische Musikleben ist begrenzt; nach jahrelangen Interventionen, die in Japan halbherzig umgesetzt und gerne überhört werden, erlässt die deutsche Botschaft 1943 ein Dokument, das die in Japan arbeitenden Musiker und Musikerinnen in drei Kategorien einteilt: in erwünschte, geduldete und unerwünschte. Japan agiert ausweichend, entzieht sich den Anweisungen des deutschen Reiches, beharrt auf seiner Souveränität.

So geht etwa die deutsche Agitation gegen den als jüdisch verfemten Klaus Pringsheim ins Leere. Pringsheim war einer jener Exilanten in Japan, die vor 1933 Deutschland verließen und nicht mehr zurück konnten. Der Dirigent und Komponist, kurze Zeit auch Voluntärkorrepetitor an der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler, war der Zwillingsbruder von Thomas Manns Ehefrau Katia. Gescheiterte Karriereschritte in Deutschland ließen ihn nach Japan reisen; er, der sich seiner Bedeutung im Deutschland der 1920er, 30er Jahre bewusst war, musste dort mit der Anfänger-qualität des Orchesters der kaiserlichen Musikakademie vorlieb nehmen; er entfachte heiße Fehden unter den Studenten wegen seines herrischen Lehrergehabes.