Die USA nutzten mit dem Marshallplan kriegsbedingte Überkapazitäten der eigenen Wirtschaft und verfolgten andererseits geopolitische Ziele, nachdem Stalin den Osteuropäern die Teilnahme am ERP verboten hatte und sich der Eiserne Vorhang über Europa senkte. Die "Eindämmungspolitik" gegenüber der Sowjetunion und gegenüber dem Kommunismus formulierte US-Präsident Harry S. Truman im März 1947 in seiner Truman-Doktrin, in der es u. a. hieß: "Ich glaube, es muss die Politik der Vereinigten Staaten sein, freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen . . . Unter einem solchen Beistand verstehe ich vor allem wirtschaftliche und finanzielle Hilfe, die die Grundlage für wirtschaftliche Stabilität und geordnete politische Verhältnisse bildet."

Als eigentlicher Startschuss gilt jedoch die nur zwölf Minuten lange Rede von Außenminister George Marshall vor Studenten in Harvard am 5. Juni 1947. Er sagte darin, es sei nicht Sache der Vereinigten Staaten, einen Plan für Europas Wiederaufbau zu entwerfen. "Das ist Sache der Europäer selbst", betonte er. "Unsere Rolle sollte darin bestehen, den Entwurf eines europäischen Programms (. . .) zu fördern und später (. . .) zu unterstützen. (. . .) Das Programm sollte ein gemeinschaftliches sein, vereinbart durch einige, wenn nicht alle europäischen Nationen."

Der 1880 geborene George C. Marshall war ein Amerikaner wie aus dem Bilderbuch. Er entstammte einer strenggläubigen anglikanisch-episkopalen Unternehmerfamilie aus Pennsylvania und wurde Berufsoffizier. Beherrschung, Unbestechlichkeit, Verantwortung für die Untergebenen und Respekt vor der selbstgewählten Autorität sagen ihm die Biographen nach. Als junger Leutnant entwarf er auf den Philippinen für ein Manöver spontan einen so brillanten Schlachtplan zur Verteidigung Manilas, dass ihn sein kommandierender General als "militärisches Genie" bezeichnete - mit der Aussicht, Generalstabschef der gesamten US-Armee zu werden. Das wurde er 1939 auch, aber nach einer schier endlosen Warteschleife in untergeordneten Positionen.

Im Krieg koordinierte Marshall alle alliierten Operationen in Europa und im Pazifik. Winston Churchill nannte ihn den "Organisator des Sieges". Er verzichtete auf Wunsch von Präsident Roosevelt auf den prestigeträchtigen Oberbefehl in Europa und setzte Dwight D. Eisenhower an die Spitze der Truppen. George Marshall wurde nach dem Krieg Außen- und Verteidigungsminister und starb im Oktober 1959.

"Ausschussware"

Der 14 Milliarden Dollar schwere Marshallplan (nach heutigem Geldwert rund 130 Milliarden Dollar), von dem 18 Länder profitierten, wurde immer durch die politische Brille gesehen. In Westeuropa wurde er anfangs enthusiastisch gefeiert. Die kommunistische Gegenpropaganda ließ nicht lange auf sich warten. Von "schäbiger Ausschussware" war die Rede, die den Europäern geliefert werde. Ziemlich heuchlerisch war der Verweis auf staatlichen Souveränitätsverlust, sieht man sich an, wie die Kommunisten in Osteuropa an die Macht gelangten. In Italien und in Frankreich versuchten kommunistische Gewerkschaften, durch Streiks das ERP-Programm zu torpedieren. Und in Westeuropa kritisierte die intellektuelle Linke in den Siebzigerjahren den "wirtschaftlichen US-Imperialismus". Vielen gilt er aber als erster Anstoß zur europäischen Integration.

Der Historiker Wilfried Mähr, einer der profundesten Kenner der Materie aus amerikanischer wie aus österreichischer Sicht, kommt zu dem Schluss: "Für die USA war der Marshallplan das richtige Mittel zum richtigen Zeitpunkt: Er war Trumpf der wirtschaftlichen Überlegenheit dem russischen Kontrahenten gegenüber und Ausdruck der Großzügigkeit den zukünftigen Partnerländern gegenüber, selbst wenn man eigene sicherheitspolitische und wirtschaftliche Interessen zu wahren wusste. (. . .) So gesehen war der Marshallplan wohl unvermeidlich, er wäre, unter welchem Namen auch immer, so oder so gekommen. Die politische Logik verlangte geradezu nach ihm."

Literatur:

Wilfried Mähr: Der Marshallplan in Österreich. Styria 1989.

Walter Robert Gaffal: Der Marshallplan als Teil der amerikanischen Westeuropapolitik unter besonderer Berücksichtigung der Situation in Österreich. Diplomarbeit, 1993.

Robert Payne: The Marshall Story. Prentice-Hall, 1952.

HerbertHutar, Wirtschaftsjournalist und Historiker, ehemaliger Leiter des Ö1-Wirtschaftsmagazins "Saldo", arbeitet nun als freier Publizist.