(WT) Bis ins hohe Alter blieb es seine oberste Maxime, sein Urteil unverblümt zu fällen. Der kürzlich verstorbene deutsche Alt-Kanzler Helmut Schmidt (1918- 2015), der von 1974 bis 1982 in einer sozialliberalen Koalition der fünfte Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland war, hielt seine Vision der Verantwortungsethik über alle vergänglichen Moden hinweg hoch.

Gegen jedes "fatalische Sich-treiben-Lassen" wehrte er sich. Politiker, die sich aus diesem Grunde selbst zurückhielten, hätten aus seiner Sicht den Beruf verfehlt. Was halten sie von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso? Schmidt im Interview (damals 94 Jahre): "Ist nichts wert." Schätzen sie Bundeskanzlerin Angela Merkel? Schmidt: "Nicht sonderlich." Allenfalls fügte er noch hinzu, sie sei "geschickt im Taktieren, aber ohne strategisches Ziel". Was er über die anhaltende Flüchtlingskrise dachte, konnte in dieser lesenswerten, zusammenfassenden Schmidt-Biographie des "Zeit"-Journalisten Gunter Hofmann nicht mehr thematisiert werden.

Am Sterbetag Helmut Schmidts (10. November 2015) wurde sein enger Freund, ebenfalls Hanseat und letzter SPD-Kanzlerkandidat, Peer Steinbrück, dazu im TV befragt. Wahrscheinlich wäre er (Schmidt) vor die Öffentlichkeit getreten und hätte ein "europäisches Deutschland" und nicht ein "Deutschland als Europas Hegemon" proklamiert - das war stets sein Leitmotiv für Frieden, Stabilität und Wohlstand.

Die Pflicht für das Vaterland

Für die SPD entschied sich der ehemalige Oberleutnant der Wehrmacht bereits im Gefangenenlager. Gerade an der Stelle, wo die Deutschen unter Hitler versagt hatten, wollte Schmidt beweisen, dass es so nicht hätte kommen müssen. Nicht das "Militärische per se" war falsch, es wurde nur missbraucht, meinte er. Falsch war es auch nicht, seiner "Pflicht" für das Vaterland nachzugehen. Der Fehler war, dass diese "Patria" in die Hände machtbesessener Nationalisten geriet. Nicht das soldatische "Gemeinschaftserlebnis" war falsch, sondern es fehlte die richtige Vorgabe, wofür sich diese Gemeinschaft engagieren solle, hält der Autor fest.

Ein "anständiges Deutschland" sei möglich, wollte Schmidt aufzeigen. Auf die "Mehrheit der Deutschen" könne man sich verlassen. Zeitlebens war die Bundesrepublik Deutschland "eine erfolgreiche, geglückte Demokratie". Die "Mehrheit der Deutschen befand sich auf dem richtigen Weg", so Schmidt.

Angestellter der Republik

Städteplaner wollte er werden, aber Politik wurde sein Beruf. Vom jungen Senator in Hamburg, der durch sein tatkräftiges Krisenmanagement während der Sturmflut 1962 an der Nordseeküste große Popularität erlangte, bis hinauf ins Bonner Kanzleramt führte sein Karriereweg. Aber so wie er sich in die Pflicht nahm als Soldat im Zweiten Weltkrieg, aber dann auch als neugeborener SPD-Politiker ("Schmidt-Schnauze" genannt), so sah er auch andere Staatsbürger in der Pflicht. Nein, die Vorstellung von einem strengen, obrigkeitlichen, im Zweifel auch autoritären Staat erschreckte ihn nicht. In diesem Sinne sah er sich als "leitender Angestellter" der Republik gerade in der Krisenzeit des RAF-Terrors.

Helmut Schmidt verkörperte die "Kunst des Regierens" und avancierte zum Inbegriff des "elder statesman", dessen moralische Stimme zu aktuellen Themen der Welt im In- und Ausland stets Gehör fand.