Wien. (gral) Seit vor nunmehr knapp 25 Jahren der Ötztaler Gletscher den 5300 Jahre alten Mann vom Tisenjoch - liebevoll Ötzi genannt - freigegeben hat, wurde die Mumie unzähligen Untersuchungen unterzogen. Die Ergebnisse geben dabei nicht nur Aufschluss über seine Abstammung, sein Aussehen und seinen gesundheitlichen Zustand kurz vor seiner Ermordung, sondern auch über die Besiedlung Europas. Das berichtet ein internationales Forscherteam um die Bioinformatiker Dmitrij Turaev und Thomas Rattei vom Department für Mikrobiologie der Universität Wien im Fachblatt "Science".

Bakterium liefert Hinweise


Demnach müssen frühe Einwanderer aus Asien bei der Besiedelung unseres Kontinents eine zentrale Rolle gespielt haben. Den Hinweis dazu liefert ein Bakterium namens Helicobacter pylori, das die Wissenschafter in Ötzis Verdauungstrakt gefunden haben. Dieses ist seit mehr als 100.000 Jahren an den Menschen gebunden und hat sich an das Überleben im sauren Milieu des Magens angepasst. Obwohl etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mit diesem Erreger infiziert ist, erkranken 90 Prozent der Betroffenen nicht. Beim Rest verursacht es Magenschleimhautentzündungen, etwas seltener auch Magengeschwüre. Helicobacter pylori wird von Generation zu Generation weitergereicht und hat damit eine geografische Verbreitung erlangt, die die Stammesgeschichte der Menschen erstaunlich genau widerspiegelt, heißt es in einer Aussendung der Universität Wien.

Die Sequenzen ausgewählter Gene dieses Bakteriums ermöglichten es, die Ursprünge der Menschheit und die Geschichte der Wanderungsbewegungen der Völker mit hoher Genauigkeit nachzuvollziehen. Bisher konnten allerdings nur die Daten von heute lebenden Menschen verwendet werden.

Neues Forschungsgebiet


Die Helicobacter-pylori-Genome der heutigen Europäer sind eine Mischung aus Bakterien afrikanischer und asiatischer Abstammung. Viele Fragen zum genauen Ursprung dieser Vermischung sind bis heute aber ungeklärt. Die Forscher suchten daher auch nach Spuren in der Gletschermumie. Erst vor wenigen Jahren war Ötzis Magen aufgrund neuer radiologischer Daten lokalisiert worden. Aus seinem Verdauungstrakt gesammelte DNA-Sequenzen gaben nun Aufschluss über die Existenz des Bakteriums.

Das Ergebnis: Das Genom entspricht so gut wie vollständig der asiatischen Komponente. "Das lässt sich am besten dadurch erklären, dass der Hauptteil der afrikanischen Bevölkerungskomponente erst nach Ötzis Lebenszeit, also in den letzten 5000 Jahren, nach Europa eingewandert ist", erklärt Thomas Rattei. "Ötzis Magenbakterium stützt also jene Theorie, wonach frühe Einwanderer aus Asien bei der Besiedlung Europas eine zentrale Rolle gespielt haben."

Die Entdeckung und Genomkonstruktion von Ötzis Helicobacter pylori sei erst der Anfang eines neues Forschungsgebietes, in dem Wissenschafter die Evolution des Menschen, seiner Krankheitserreger und seiner Umwelt anhand tausende Jahre alter Mikroorganismen nachvollziehen können, heißt es.