Das "Thierbuch"

Verdient Gesner allein schon mit seinen bibliographischen und philologischen Arbeiten ein immerwährendes Andenken in der gelehrten Welt, so erbrachte er seine hauptsächlichen Leistungen doch als Naturhistoriker. Als "Vater der Zoologie" setzte er neue Maßstäbe in der Tierbeschreibung, die seit der Antike über das Werk des römischen Kompilators Plinius des Älteren nicht hinausgekommen war. Mit seiner "Historia animalium" legte Gesner das erste große zoologische Werk der Neuzeit vor, das über Jahrhunderte der beschreibenden Zoologie als Grundlage dienen sollte.

Die zwischen 1551 und 1560 erschienene Historia animalium ist ein höchst imposantes Opus von vier Foliobänden mit zusammen 4500 Seiten, reich illustriert mit etwa 1000 Holzschnitten. Ein fünfter Band erschien erst über zwanzig Jahre nach Gesners Tod. Das Werk wurde bald in deutscher Übersetzung als "Thierbuch" populär. Es ist eine umfassende Tierenzyklopädie, die in alphabetischer Reihenfolge (nach lateinischen Bezeichnungen) rund achthundert Tiere vorstellt und über deren Bau, Lebensweise, Fortbewegung, Verbreitung und Nützlichkeit informiert.

Diese Informationen fallen oft umfassend aus. So sind dem Pferd nicht weniger als hundertsechsundsiebzig, dem Schaf immerhin noch vierzig Folioseiten gewidmet. Sehr detailliert berichtet Gesner über den Lachs; er zeigt erstmals Abbildungen von Junglachsen und berichtet von ihrer Entwicklung zum erwachsenen Fisch. Gesner war kein bloßer Kompilator, sondern versuchte seinen Lesern das Leben der Tiere insgesamt sehr anschaulich und mit großer Leidenschaft nahezubringen. Viele der beschriebenen Tierarten waren ihm aus eigener Anschauung bekannt, bei der Beschreibung anderer Arten konnte er sich auf Mitteilungen seiner Korrespondenten in verschiedenen Ländern stützen.

Einige Fabeltiere

Obwohl ein kritischer Beobachter und Denker, glaubte Gesner, im Geist seiner Zeit gefangen, noch an die Existenz einiger Fabelwesen, zum Beispiel Seeschlangen und vor allem das Einhorn, das über viele Jahrhunderte unter allen Fabeltieren als besonders prominent herausragt. Wenn man sich in Gesners Jahrhundert zurückversetzt, dann kommt es auch nicht überraschend, dass dem Gelehrten "Walfische" als Ungeheuer erschienen, die ganze Schiffe verschlingen konnten. Der Bedeutung des "Thierbuchs" in seiner Zeit und für die Nachwelt tut das keinen Abbruch.

Gesners Interesse galt aber ebenso der Pflanzenwelt, die ihn nicht zuletzt im Zusammenhang mit seinen medizinischen Studien beschäftigte. Er plante eine umfassende "Historia plantarum", die zu vollenden ihm nicht mehr gegönnt war. Er hinterließ dazu allerdings eine nachgerade erschlagende Materialfülle, mit weit über tausend Zeichnungen, naturgetreuen Abbildungen unterschiedlicher Pflanzenformen und unzähligen Notizen. Das Werk konnte (unvollständig) erst 1753 erscheinen. Nicht unerwähnt sollte man lassen, dass Gesner im Zusammenhang mit seiner Beschäftigung mit den Gebirgspflanzen auch zu den frühen Alpinisten und Bergwanderern zählte.

Gesner öffnete seinen Zeitgenossen die Augen für die enorme Fülle an Lebensformen auf unserem Planeten, was heute nach wie vor einen wichtigen Bildungsauftrag darstellt.