Wer sich den am 12. Juni 1890 in Tulln geborenen Maler Egon Schiele vor 100 Jahren vorstellen will, sieht vor dem geistigen Auge einen hageren Mann mit kurzgeschorenem Haar in der einfachen, grauen k.u.k. Felduniform, der seinen Dienst als Wachsoldat ableistet.

Egon Schiele auf der berühmten Aufnahme, die Josef Trcka 1914 von ihm gemacht hat. - © Schiele Museum/Sammlung Gradisch
Egon Schiele auf der berühmten Aufnahme, die Josef Trcka 1914 von ihm gemacht hat. - © Schiele Museum/Sammlung Gradisch

Schiele hoffte zunächst, dem Militärdienst zu entgehen, da anlässlich der militärärztlichen Untersuchung im Herbst 1914 ein unterdimensioniertes Herz festgestellt wurde. Doch im Folgejahr musste der Künstler auf Grund einer Nachmusterung einrücken und wurde in einer Schreibstube eines Kriegsgefangenenlagers für russische Offiziere unweit von Wieselburg eingesetzt. Seine Ausbildung zum Waffendienst erfolgte in Prag, in Wien musste Schiele Schanzarbeiten und Wachdienste leisten. Auch in der k.k. Konsumgenossenschaft für Militärgagisten amtierte der schlanke Mittzwanziger, der nicht zur Front abkommandiert wurde.

Sein Alter Ego in Prag, der ebenfalls schlanke und hoch aufgeschossene Franz Kafka (geboren am 4. 7. 1893), zählte zu den "Reklamierten", da er in der Arbeiter-Unfallversicherung unabkömmlich war, doch in einer Phase der Unproduktivität stellte Kafka 1916 allen Ernstes den Antrag, die Reklamierung aufzuheben, um einzurücken. Der Antrag wurde vom Direktor, der den freiwilligen Kriegsdienst "komisch" fand, abgelehnt, aber Kafka durfte trotz Urlaubssperre für Reklamierte im Juli 1916 nach Marienbad fahren, wo er sich mit seiner Verlobten Felice Bauer traf.

"Günstigste" Heirat

Zu diesem Zeitpunkt hatte Egon Schiele bereits geheiratet und zwar "günstigst", wie er einem Freund versicherte. Die Auserwählte war eine gutbürgerliche Nachbarstochter namens Edith Harms, die im Haus Hietzinger Hauptstraße 114 ihm gegenüber gelebt hatte und ihm gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Adele aufgefallen war. Das eigentliche Opfer von Schieles Avancen war nicht die bürgerliche Moral, der er sich auf Wunsch der Schwiegermutter unterwarf, sondern seine zunächst nichts ahnende Lebensgefährtin Wally Neuzil.

Als Verheirateter und nur bedingt tauglicher Soldat hatte Schiele beim Militär einige Vergünstigungen, dank verständnisvoller Vorgesetzter konnte er zeitweise produktiv weiter arbeiten. Vergnügen war sein Dienst dennoch keiner. Wacheschieben vor Arsenalen und Kasernen und militärische Schreibarbeiten sind - verglichen mit dem Fronteinsatz - zwar ein Privileg, aber mitunter trotzdem eine quälende, nicht enden wollende Angelegenheit.

Schiele vertrieb sich die "toten Stunden", indem er in Foto-Motiven dachte. Diese einzigartige Apperzeptionsgabe verdankte er dem tschechischen Fotokünstler Trčka, der Schiele, so wie andere böhmische Fotografen, für diese Technik begeistert hatte. Dass damals mit Platten und nur in Schwarz-Weiß gearbeitet wurde, kam dem Grafiker und Maler entgegen. Nachkolorieren war eine der Stärken Schieles, die er bei Bleistift- und Kreidezeichnungen optimierte. Seine Farben waren expressiver und anders als jene, die erst viel später (ab den 1930er Jahren) auf Zelluloid gebannt werden konnten.

Schiele überlegte sich in der Öde des uniformen Auf und Ab neue Bilder, vor allem Selbstpor-träts und Darstellungen seiner Gattin Edith, die er knapp vor seinem Einrücken nach evangelischem Ritus geheiratet hatte. Obwohl Schiele von der Krumauer Mutterseite her katholisch getauft war, hatten die Schwiegereltern auf der Beibehaltung der Konfession ihrer Tochter bestanden.

Der unstete Maler war als Ehemann trotz der bedrohlichen Auswirkungen des Weltkriegs ausgeglichener und ruhiger geworden. Seiner früheren Geliebten Wally Neuzil hatte er seinen Sinneswandel zu erklären versucht, aber nach einer Abschiedsszene in einem Hietzinger Café, die Dietmar Grieser in "Eine Liebe in Wien" einfühlsam beschreibt, musste Wally verbittert weichen. Sie wurde Rotkreuzschwester und starb 1917 in einem dalmatinischen Marinelazarett, wo sie sich mit Scharlach angesteckt hatte.

Wally und Edith ähnelten einander zwar in mancherlei Hinsicht, aber die Gattin schien feiner strukturiert als ihre Vorgängerin und bestand auf einer "reinen" Beziehung, deren Rahmen sie vorgegeben und mit ihrer Würde als "Weib" begründet hatte. Sie war zwar drei Jahre jünger als Egon, wirkte aber trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre ladylike und erwachsen. Mit den exponierten Darstellungen ihrer Vorgängerin Wally lernte sie zu leben, duldete aber zunächst keine anderen Aktmodelle. Edith ("Dit", "Ditta") erkannte und liebte den Genius an ihrer Seite und wusste, dass Egon zu ihr stand, sie bewunderte und manchmal einen Gang zurück schaltete, wenn es um öffentliche Auftritte ging. Das modische Paar rund um die Hietzinger Wohnung fiel den Passanten auf. Wenn es Dienst und Energien zuließen, hielt sich Schiele in einem seiner zwei Ateliers auf, für größere Formate hatte er in der Wattmanngasse dank steigender Nachfrage ein Studio mit höheren Räumen angemietet, wo er bis zum Sommer 1918 einige wichtige Werke vollenden konnte.