Der Widder erschien in der as-trologischen Tradition, die von Ägypten und Persien ausging, als eine verkommene, zerlumpte Figur, die ihre Herkunft aus dem Archaischen, Wilden des Mythos verdeutlichen sollte. Ihm stellte Warburg den mythischen Helden Perseus gegenüber, dem es gelang, durch seine Taten dämonische Kräfte - wie sie zum Beispiel von Medusa ausgingen - zu bannen und somit einen "Denkraum der Besonnenheit" zu schaffen.

Seelische Krise

Für seine Person konnte Warburg den "Denkraum der Besonnenheit" jedoch nicht aufrecht erhalten; die Grausamkeiten des Ersten Weltkrieges erschütterten ihn tief. Er war mit der verzerrten Fratze eines gewalttätigen Nationalismus konfrontiert, der von zahlreichen Intellektuellen unterstützt wurde. Die internationale Barbarei erfuhr Warburg in all ihren Ausprägungen; in Aufrufen zum kollektiven Mord, in nationalistischen Hasstiraden und im Bilderkrieg der entfesselten Medien. Nach dem Ende des Krieges erlitt er einen vollständigen psychischen Zusammenbruch; nach Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken kam Warburg auf Empfehlung Sigmund Freuds in das Sanatorium Bellevue in Kreuzlingen, das von dem Psychiater Ludwig Binswanger geleitet wurde.

Warburg litt unter der Zwangsvorstellung, dass er und seine Familie ermordet werden sollten. "Die zwei großen Themenkomplexe seiner wissenschaftlichen Arbeit", so schrieb Ernst Gombrich in seiner Warburg-Biographie, "der Ausdruck der Leidenschaft und die Reaktion auf Angst ergriffen von ihm Besitz in Form von furchtbaren Anfällen und Wahnvorstellungen, die ihn schließlich zu einer Gefahr für sich und die Umwelt machten."

Der Aufenthalt in der Klinik Bellevue war von Warburgs Wahnvorstellungen, Phobien und Gewaltausbrüchen geprägt. Erst ein Vortrag, den der allmählich Genesende 1923 über das Schlangenritual der Hopi-Indianer hielt, wurde zum Wendepunkt seiner Krankengeschichte. Ein Jahr später erfolgte die Entlassung, die "Beurlaubung zur Normalität". Für den Rest seines Lebens fühlte sich Warburg als "ein Wiedergeborener", der aus dem Totenreich wieder aufgetaucht war. Das nach dem Klinikaufenthalt entstandene Werk charakterisierte er als "Heuernte bei Gewitter".

Ein wichtiger Gesprächspartner war in diesen Jahren der Philosoph Ernst Cassirer, der von 1874 bis 1945 lebte. Cassirer, der Autor der "Philosophie der symbolischen Formen", hatte ebenfalls einen interdisziplinären Ansatz für seine wissenschaftliche Arbeit entfaltet. Er besuchte Warburg 1924 in der Klinik, wo es zu einem intensiven Gedankenaustausch kam. Warburgs "Denkraum der Besonnenheit" fügte sich perfekt in die Symboltheorie von Cassirer, der den Denkprozess als Konstruktion von Symbolen verstand, die der Mensch kreiert, um unabhängig denken zu können. Diese grundsätzliche Übereinkunft begründete eine lebenslange Freundschaft.

"Mnemosyne"

Das Projekt, das Warburg bis zu seinem Tod am 26. Oktober 1929 beschäftigte, war der sogenannte "Mnemosyne-Atlas", der seine weit verstreuten Forschungsgebiete bündeln sollte. Benannt ist der Atlas nach Mnemosyne, die in der griechischen Mythologie als Göttin der Erinnerung fungiert. Erinnert werden sollte an die wichtigsten Pathosformeln und ihre Wiederverwendung in der Kunstgeschichte. Zu diesem Zweck wurden Fotografien von Kunstwerken, Münzen, Briefmarken oder Zeitungsausschnitten, die verschiedene Pathosformeln wiedergaben, auf Tafeln fixiert. Die rund zweitausend Fotografien wurden lose geheftet, sodass sie immer wieder zu neuen Konfigurationen angeordnet werden konnten.

So entstand ein work in progress, das nicht den Anspruch hatte, eine systematisch ausgearbeitete Kunsttheorie zu produzieren. Die Offenheit von Kunsttheorien, die später Umberto Eco propagierte, nahm Warburg im Projekt des Mnemosyne-Atlas vorweg. Diese Aufgeschlossenheit für das Offene, Fragmentarische macht Warburg zu einem zeitgenössischen Gelehrten, dessen Arbeit der an der Humboldt Universität in Berlin lehrende Kunsthistoriker Horst Bredekamp auf den Punkt bringt: "Er war ein Grenz-überschreiter, ausgestattet mit einem vibrierenden Erfahrungsvermögen, der Fragestellungen nachgegangen ist, die für die Kunst- und Kulturgeschichte von großer Bedeutung sind und das gilt bis heute."

Literaturhinweise

Aby Warburg: Werke in einem Band. Herausgegeben und kommentiert von Martin Treml, Sigrid Weigel und Perdita Ladwig. Suhrkamp, Berlin 2010.

Georges Didi-Huberman: Das Nachleben der Bilder. Übersetzt von Michael Bischoff. Suhrkamp, Berlin 2010.