Hitler wiederum wollte von Anfang an einen Vernichtungskrieg führen. Das Sowjetsystem sollte ausgelöscht, seine Völker wie die Juden entweder vernichtet oder auf den ihnen zugedachten Status von Arbeitssklaven herabgedrückt werden. Einer bis dahin im Zweiten Weltkrieg noch nicht vorgekommenen Brutalisierung und Radikalisierung waren somit von Anfang an Tür und Tor geöffnet.

Zunächst versetzte die Wucht des deutschen Angriffs die Welt in Erstaunen und Entsetzen. Panzerverbände durchstießen in rasantem Tempo die sowjetischen Linien. Die russischen Westarmeen wurden danach in zwei großen Kesselschlachten von der nachrückenden Infanterie zerschlagen, über 600.000 Gefangene wurden gemacht. Die Luftwaffe, die rund 3900 Flugzeuge aufgeboten hatte, griff Flugplätze, Militärstützpunkte und Depots an. Allein am ersten Kampftag sind 1811 der rund 7500 in Westrussland stationierten Sowjetflugzeuge zerstört worden.

Begünstigt wurden diese Anfangserfolge durch die sowjetische Militärdoktrin. Diese sah eine grenznahe Aufstellung der eigenen Truppen vor. Im Falle eines Angriffs sollte so mit raschen Gegenangriffen ins Feindesland reagiert werden können. Im Juni 1941 aber war die durch Stalins "Säuberungen" geschwächte Rote Armee weder objektiv noch in ihrer Selbstwahrnehmung zu einem solchen Angriffskrieg fähig.

Siege mit hohem Preis

Trotz der anhaltenden Siegesserie begann sich auf deutscher Seite zunehmendes Unbehagen zu verbreiten. Allein im Juli 1941 verzeichnete die Wehrmacht an der Ostfront 63.099 Gefallene. Mit Ende Juli waren auch fast ein Viertel der eingesetzten Panzer als Verlust zu verbuchen. Stalin aber ließ immer neue Reserven an die Front werfen - Kanonenfutter für die vorstürmenden Deutschen, die sich mehr und mehr "zu Tode siegten", wie es ein Kriegsberichterstatter aus Italien ausdrückte.

Dass dieser Krieg eine völlig neue Dimension und Qualität hatte, entging auch den hohen Offizieren nicht. Gotthard Heinrici, der Kommandeur des XXXXIII. Armeekorps, berichtete in Briefen an seine Frau von "Hekatomben von Menschenopfern", die der Krieg fordere, und von den Schwierigkeiten, welche seine Truppe aufgrund der "riesengroßen Räume" und der "unendlichen Wälder" habe. "Es haben sich alle Leute in dem Russen verschätzt", schrieb er - ganz in der Diktion der Zeit - am 1. August nach Hause. "Man hat nicht das Empfinden, als ob der Russe gesonnen sei, den Krieg [. . .] eines Tages aufzugeben."

Besorgt war auch Adolf Hitler, allerdings nicht wegen der Menschenverluste. Was dem "größten Feldherrn aller Zeiten", wie ihn seine Bewunderer nannten, Kopfzerbrechen bereitete, war die Frage des weiteren strategisch-operativen Vorgehens. Der "Führer" "schlafe deswegen nachts nicht", hatte Gerhard Engel, der Adjutant des Heeres im Führerhauptquartier, Ende Juli nach einem Gespräch mit Hitler geschrieben.

Führungskrise

Nach den bisherigen Raumgewinnen trat die Heeresführung für den schnellstmöglichen Vorstoß in Richtung Moskau ein. Von der Einnahme der Stadt versprach sie sich das rasche Ende des Feldzuges. Hitler hingegen hielt von dieser Option wenig. Er favorisierte einen Vorstoß nach Süden, um die Ukraine als "Kornkammer" und Rohstoffgebiet zu erobern und die sowjetische Ölzufuhr aus dem Kaukasus zu unterbinden. Durch die Wegnahme ihrer wirtschaftlichen "Lebensadern" glaubte er der UdSSR den Todesstoß versetzen zu können.

Aus diesem Hin und Her resultierte eine wochenlange Führungskrise. Schließlich gab die Heeresführung klein bei. Am 21. August wurde der deutsche Angriffsschwerpunkt nach Süden verlagert. Bis 25. September wurden die hier stehenden sowjetischen Streitkräfte, insgesamt fünf Armeen, östlich von Kiew in einer gigantischen Kesselschlacht vernichtet. 665.000 Rotarmisten gingen in deutsche Kriegsgefangenschaft, 3436 Geschütze und 884 Panzer wurden erbeutet oder waren zerstört worden.

Gotthard Heinrici aber hatten trotz des sich anbahnenden Sieges offenbar düstere Vorahnungen gequält. "Ich bin überzeugt, daß dieser Krieg noch lange dauert", hatte er am 1. September seiner Frau brieflich anvertraut. "In diesem Jahr wird er nicht beendet. Der Russe hofft auf den Winter. In dieser Zeit reorganisiert er seine angeschlagene Armee und greift dann [. . .] im Frühjahr wieder an. [. . .] Wir müssen uns jedenfalls auf das nächste Kriegsjahr einstellen." Wie sehr er mit dieser Einschätzung recht behalten sollte, ahnte er damals aber wohl noch nicht.