Archäologie wäre Herumbuddeln in Staub und Steinen? Indiana Jones der Wunschtraum eines Archäologen, dessen realer Lebenshöhepunkt die Auffindung einer spätantiken Keramikscherbe ist?

Moment, probieren wir’s anders: Vermischen Sie 200 Gramm Feta mit 3 bis 5 Knoblauchzehen, dazu ein Tropfen Olivenöl, etwas Selleriegrün, Koriander, Weinraute (Vorsicht: schmeckt extrem intensiv!) und, wenn Sie mutig sind, ein paar Tropfen thailändischer Fischsoße oder einer kräftigen Sojasoße und versuchen Sie diesen Aufstrich zu frischem Dinkelbrot.

Genau genommen betreiben Sie jetzt experimentelle Archäologie.

Dieser Aufstrich heißt Moretum. Seine Zubereitung findet sich in 122 Hexametern, in denen ein antiker Autor Vergils Lob des Landlebens parodiert. Feta entspricht dem Käse der Antike, die thailändische Fischsoße dem "Liquamen" - ich erspare Ihnen und mir, die Herstellung zu schildern, sie klingt eklig, aber das Ergebnis überzeugt mit salzig-würzigem, kaum fischelndem Geschmack.

Experimentelle Archäologie betreiben Sie, weil es in dieser Disziplin genau darum geht: die alten Zeiten erlebbar zu machen. Nicht Mauern auszugraben, so wichtig das ist (und die Grundlage aller Archäologie bleibt), sondern zu überlegen: Wie wurden die Mauern gebaut? Welche Geräte, welche Materialien kamen zum Einsatz? Und überhaupt: Wie war das Leben? Der Alltag? Nachvollziehen der Antike in Technik und Alltag, in Geruch und Geschmack. Eines der wichtigsten Zentren für experimentelle Archäologie in Bezug auf das römische Imperium ist Carnuntum nahe Wien: Dort haben experimentelle Archäologen mit den Mitteln des römischen Hausbaus, ohne Verwendung moderner Techniken eine noble Stadtvilla, eine Badeanstalt und das Haus des reichen Bürgers Lucius funktionsfähig wiederaufgebaut. Man kann die Gebäude auf antik-römische Weise bewohnen. Heißt: Nein, es gibt keinen Anschluss für einen Fernsehapparat, aber ja: Die Fußbodenheizung wärmt, und in der Küche kann man kochen.

Das Mahl der Gladiatoren

- © Römerstadt Carnuntum/Baumgartner
© Römerstadt Carnuntum/Baumgartner

Zum Beispiel Pulsum: Ein, zwei gehackte Knoblauchzehen, in Ringe geschnittenen Lauch und, wer mag, Speck und würfelig geschnittenes Rindfleisch, in Olivenöl anschmoren, 200 Gramm Weizenschrot (Bulgur), 50 Gramm Bohnen oder Linsen hinzugeben (unterschiedliche Garzeiten beachten!), mit 2 Liter Wasser auffüllen. Würzen mit Stangenpfeffer und frischen Kräutern: Basilikum, Petersilie, Koriander und Weinraute. Wenn das Wasser nach 45 Minuten verbraucht ist, müsste das Gericht gar sein, andernfalls vorsichtig Wasser angießen und weiterdünsten. Abschmecken mit thailändischer Fischsoße oder Sojasoße und einem Tropfen Honig.

Dieser Eintopf war das Alltagsessen des Römers - bei den Gladiatoren übrigens mit ziemlicher Sicherheit fleischlos.

Nebenbei: Dank der experimentellen Archäologie weiß man, dass diese, also die Gladiatoren, zum Gaudium des Publikums meist Schaukämpfe lieferten, ohne zu sterben. Tödliche Kämpfe wären zu teuer gekommen, der Gladiator hatte schließlich einen Wert für seinen Besitzer. Die tödlichen Kämpfe waren Ausnahmefälle.

Wie solche Gladiatorenkämpfe ausgesehen haben, kann man von Zeit zu Zeit in Carnuntum live erfahren, wenn die Mitglieder der Familia Gladiatoria Carnuntina gegeneinander antreten - wieder so ein Fall experimentelle Archäologie: Wie hat man als Gladiator gekämpft, wenn es nicht ein Regisseur für einen Historienschinken (meist falsch) in Szene setzt?

Die da kämpfen - die nennt man Geschichtsdarsteller. In ihrer Freizeit versuchen sie so zu leben, wie seinerzeit Kelten, Menschen des Mittelalters - oder eben (um bei Carnuntum zu bleiben) Römer. Geschichtsdarsteller suchen sich dabei eine fest umrissene Zeit - und sie nehmen es sehr genau. Auf dem Fest der Spätantike in Carnuntum etwa wird man Römer der Caesar-Zeit vergeblich suchen.

Mittlerweile floriert auch das Geschäft mit Waren, die den Geschichtsdarstellern helfen, ihre Epoche der Antike wiederzubeleben. Im Internet-Fachhandel kann man Kleidung und Schuhe nach antik-römischem Vorbild kaufen, Schreibwaren und Büsten. Sogar einen Hausaltar kann man erwerben. Ob jemand die antiken Götter tatsächlich anbetet? - Warum nicht? Es gibt ja auch ernsthaft wiederbelebte Druiden- und Hexenkulte. Dann schon lieber Jupiter und Venus. Aber es braucht ja kein Altar zu sein: Wie wäre es mit einem Naturschwamm? Oder mit einer wunderschönen Haarnadel für Sie und einem geflügelten Phallus als Anhänger für Ihn? Und ob das getragen wird zu Toga und Tunika!

Tunika und Rundmühle

Wie weit das einer treibt, ist ihm selbst überlassen, es gibt keinen "Ehrenkodex". Wenn ich Peter richtig verstanden habe, der sich als Römer, wenn ich mich recht erinnere, Claudius Metellus Pulcher nennt, schaut man zu Hause am Sonntag auch "Tatort", wenngleich man eine Tunika anhat (was ich verstehen kann: Das ist bequem, herrlich luftig an heißen Tagen und wahrlich nicht unelegant).

Gesprochen wird Deutsch, wie man auch auf den Treffen, etwa dem Römerfest in Carnuntum, zwar mit "salve" grüßt und mit "gratias ago" dankt, sonst aber in Landessprache spricht. Lateinischer oder altgriechischer Dialog ist schwierig, weil man die Sprache nicht, wie etwa Englisch oder Französisch, als Konversationssprache lernt. Glück hat, bei wem es anders war. Wer lernt, Latein nicht nur zu übersetzen, sondern zu sprechen, findet einen anderen Einstieg in diese Kultur. (Dürfte man das als Gehversuch in experimenteller Archäologie werten - so ein bisschen zumindest?)