Der Eroberer Jean de Béthencourt. - © Aus: The Canarian or Book of the conquest and conversion of the Canarians in the year 1402. London, 1872
Der Eroberer Jean de Béthencourt. - © Aus: The Canarian or Book of the conquest and conversion of the Canarians in the year 1402. London, 1872

Die Kanarischen Inseln waren als "Insulae fortunatae", "Glückliche Inseln", bereits in der Antike bekannt. Sie wurden von phönizischen Seefahrern besucht, und römische Gelehrte beschrieben sie als Paradies am westlichen Ende der bekannten Welt. Später geriet die Inselgruppe, von einer Bevölkerung aus Bauern und Hirten auf jungsteinzeitlichem Kulturniveau bewohnt, in Europa in Vergessenheit. Sie wurde erst zu Anfang des 14. Jahrhunderts von genuesischen Seefahrern wieder entdeckt. Abgesehen von einzelnen Schiffen, die ihre Küsten zum Sklavenfang anliefen, blieben sie vom Einfluss Europas verschont.

Das sollte sich ändern, als ein normannischer Admiral in Kastiliens Diensten, Robert de Bracquemont, die Kunde von der subtropischen Inselgruppe in seine Heimat brachte. Die Schilderungen machten seinem Neffen, Jean de Béthencourt, so großen Eindruck, dass er den Plan fasste, die Inseln zu erobern und ihre Eingeborenen zum Christentum zu bekehren. Da er wegen beträchtlicher Schulden von Gläubigern verfolgt wurde, zielte sein Unternehmen vermutlich eher auf finanziellen als auf gottgefälligen Ertrag.

Der Aufbruch

Als Nachfahren der Nordmänner, die sich einst an der französischen Küste festgesetzt hatten, waren die Bewohner der Normandie hervorragende Seefahrer. Deshalb gelang es Jean de Béthencourt rasch, abenteuerlustige Männer um sich zu scharen, darunter den kampferprobten Ritter Gadifer de la Salle. Unter Einsatz seiner letzten Mittel - auch sein Onkel dürfte ihn unterstützt haben - rüstete er in La Rochelle ein Schiff mit allem Nötigen aus und stach am 1. Mai 1402 mit etwa 80 Mann an Bord in See. Als Vertreter der Kirche kamen ein Franziskanermönch namens Pierre Bonthier sowie Jean le Verrier, der Kaplan Béthencourts, mit auf die Reise; die beiden Geistlichen verfassten den Bericht, dem wir die heutigen Kenntnisse über das Unternehmen verdanken.

Die Normannen segelten über Galizien nach Cadiz in Südspa-nien, wo sie ihre Vorräte aufstocken wollten. Streit über die Aussichten des Unternehmens führte dazu, dass dort bereits ein Drittel der Mannschaft desertierte; kaum mehr als 50 Mann segelten mit Béthencourt weiter. Sie erreichten schließlich die vom genuesischen Seefahrer Lancelotto Malocello bereits im 14. Jahrhundert besuchte und nach ihm benannte Insel Lanzarote. Deren Bewohner befürchteten einen neuerlichen Überfall von Sklavenjägern und flohen ins gebirgige Inselinnere.

Béthencourt hatte allerdings aus Cadiz zwei kanarische Eingeborene, die Jahre zuvor als Sklaven verschleppt worden waren, als Dolmetscher mitgebracht. Ihnen gelang es, mit dem als "König" bezeichneten Herrscher der Insel namens Guadarfia Kontakt aufzunehmen und ein Übereinkommen auszuhandeln. Béthencourt sicherte darin den Eingeborenen Schutz vor künftigen Überfällen durch Sklavenjäger zu, dafür erkannte Guadarfia die Oberherrschaft des Normannen an.

Zur Festigung seiner Herrschaft ließ Béthencourt im Süden der Insel einen befestigten Stützpunkt errichten, den er "Rubicon" nannte. Doch bald erkannte er die Notwendigkeit, zurück nach Kastilien zu segeln, um für weitere Eroberungen Soldaten anzuwerben und Vorräte zu besorgen. In Sevilla erreichte er eine Audienz bei König Enrique III. von Kasti-lien, dem er geschickt als Souverän über die kanarischen Inseln huldigte und sich seiner Schirmherrschaft unterstellte.

Der Herrscher

Der geschmeichelte König erklärte Béthencourt im Gegenzug zum Herrscher über alle bisherigen und künftigen Eroberungen. Zudem verbriefte er ihm ein Fünftel aller Exporteinkünfte seines Herrschaftsbereichs, besonders aus dem Handel mit den als Purpurfarbstoff begehrten kanarischen Orchilla-Flechten. Er stellte Soldaten, Vorräte, Ausrüstung sowie ein Schiff zur Verfügung.

Das Kommando auf Lanzarote hatte Béthencourt zwischenzeitlich an Gadifer de la Salle übertragen; als dessen Stellvertreter hatte er Berthin de Berneval ernannt. Berthin nutzte jedoch eine Abwesenheit Gadifers, um zusammen mit einigen Kumpanen mehr als zwanzig Eingeborene gefangen zu nehmen und sie auf ein Schiff zu verschleppen. Darauf segelte er nach Kastilien, wo er mit den Sklaven auf eigene Rechnung Profit machen wollte. Die Eingeborenen waren über den frechen Vertragsbruch verständlicherweise aufgebracht, attackierten die verbliebenen Besatzer und töteten mehrere von ihnen. Das Eintreffen des Versorgungsschiffs aus Cadiz bedeutete für sie die Rettung aus höchster Not.

Der Kapitän überbrachte Gadifer de la Salle den Auftrag Béthencourts, bis zu seiner Rückkunft weitere Inseln zu erkunden. Gadifer segelte darauf als erstes zur benachbarten Insel "Erbanie" (dem heutigen Fuerteventura) und unternahm einen Erkundungszug ins Innere. Dann lief er die große Insel Gran Canaria weiter im Westen an. Deren Einwohner - durch schlechte Erfahrungen mit weißen Sklavenjägern äußerst misstrauisch - vereitelten aber jeden Landungsversuch.

Ein heftiger Sturm hinderte Gadifers Expedition in der Folge daran, die Insel La Palma zu erreichen. Immerhin konnte er auf der westlichsten Insel Hierro an Land gehen, um dann nach Lanzarote zurück zu segeln, wo bald darauf auch Béthencourt mit einem weiteren Schiff eintraf. Ihm gelang es, die Eingeborenen zur Einstellung der Feindseligkeiten zu bewegen und den Schutzvertrag erneut zu bekräftigen. Anfang März 1404 ließen sich ihr Herrscher Guadarfia und eine Anzahl seiner Leute taufen, um als Christen vor Übergriffen sicher zu sein.