Ein Römer in Hosen! Da fällt Jupiter von seinem Thron vor Schreck. Seit wann kleidet sich der edle Römer in Barbarentracht? Noch dazu in der reichen Villenstadt Carnuntum? Wohin ist die römische Lebensart entschwunden? O tempora, o mores!

In Carnuntum wird der Spätantike neues Leben eingehaucht. - © Th. Schillo
In Carnuntum wird der Spätantike neues Leben eingehaucht. - © Th. Schillo

Dabei hat der Göttervater Glück, wenn er überhaupt noch Zeit auf seinem Thron verbringen kann. Wirklich verehrt wird er kaum noch. Die einen halten sich an Mithras, romanisiert Sol Invictus, den Sonnengott, der zwar ein Import aus Persien ist, aber nichts gegen die Verehrung anderer Gottheiten hat, sozusagen kann jeder anrufen, wen er mag, das ist wenigstens noch römisch-liberal. Aber dann gibt es da noch die andere Glaubensrichtung, diese Christen mit ihrem auf Sklavenart hingerichteten jüdischen Gott, die keinen andren verehren, nicht einmal die vergöttlichten Kaiser, und Blut trinken. Selbst der gerade regierenden Kaiser Konstantin hat große Sympathien für diesen Kult.

Was ist da geschehen?

Die Zeiten haben sich geändert

Es ist ein typischer Fall von tempora mutantur (die Zeiten ändern sich): Beim Festival der Spätantike, das vier Tage lang in Carnuntum mit den besten Geschichtsdarstellern Europas abläuft, liegt die Zeit, die wir mit dem römischen Reich verbinden, zwei Jahrhunderte und mehr zurück. Es ist nicht mehr das Rom Julius Caesars und nicht mehr das Rom Neros. Die Herrschaft von Marcus Aurelius, der in Carnuntum an seinen Selbstbetrachtungen arbeitete, liegt 150 Jahre zurück. Die Spätantike wandelt sich allmählich zum Mittelalter. Sogar die Legionäre erinnern schon eher an Ritter als an die Gegner von Asterix und Obelix.

Carnuntum mit seinem nach den Methoden der experimentellen Archäologie wiederaufgebauten römischen Viertel mit Mittelstands-Villa, noblem Stadtwohnsitz und vornehmer Therme samt Straßenküche und öffentlicher Latrine ist der ideale Ort für spätrömisches Leben. Denn gerade in der Spätantike erlebte die Stadt eine Blüte des verfeinerten Lebensstils, in den Einflüsse anderer Kulturen hineinspielen: Man nimmt, was das Leben angenehmer macht - selbst wenn es die zuerst verschmähten Hosen der Markomannen vom jenseitigen Donauufer sind. Die kalten Winter Pannoniens werden mit solchen Kleidungsstücken wesentlich erträglicher, während Wind und Kälte nur allzu leicht unter Tunika und Toga kriechen.

Das Festival gruppiert sich um den roten Faden der Tätigkeiten des römischen Statthalters von Oberpannonien. Der wissenschaftlich penibel recherchierte Living-History-Event stellt über den Tag verteilt Hochzeiten, Militärparaden, Empfang von Delegationen der Barbaren, Festgelage und vieles mehr nach. Die Akteure leben während der vier Tage des Festivals auf dem Gelände der Römerstadt und gehen Tagwerken nach, wie man sie in einer spätantiken römischen Stadt antrifft. Die Grenze zwischen Theater und Geschichtsdarstellung verschwimmt. Dem Besucher wird keine Show (und schon gar kein Kommerz-Event) geboten. Vielmehr kann man sich auf eine Zeitreise begeben - und nachher alle Klischees, die man durch Film und Fernsehen verinnerlicht hat, getrost einmotten.