Der Mensch zieht Grenzen - etwa zwischen geografischen Gebieten oder wissenschaftlichen Disziplinen -, setzt sich Grenzen - ob durch Gesetze oder beim Zeitaufwand - oder stößt an Grenzen, physische und psychische, sprachliche und logische, in der Erkenntnis und im Handeln. "Grenzen sind materiell, mental, symbolisch, grafisch und Resultate diskursiver Praktiken", sagte die Erfurter Historikerin Susanne Rau. Die politisch-territoriale Grenze sei dagegen ein relativ junges Phänomen, zumal der europäische Diskurs bis 2015 vom Verschwinden von Grenzen geprägt war. Durch die Flüchtlingsbewegung ist eine andere Situation eingetreten, sie kommt am schärfsten im Ruf der "Pegida"-Bewegung zum Ausdruck: "Festung Europa - macht die Grenzen dicht!"

Auf Abgrenzung setze auch US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump, der eine Mauer zu Mexiko errichten und die Mexikaner dafür bezahlen lassen will. Wie Rau an geschichtlichen Beispielen ausführte, sind Grenzen latent instabil. Politisch-territoriale sowie Sprach-, Kultur- und Religionsgrenzen sind selten einheitlich, sie überlagern einander.

Grenzen der Wissenschaft

Grenzen, die längst gefallen sind, können in den Köpfen lange weiterleben. In Italien gibt es eine Art Kulturgrenze im Raum Bologna, die auf die Trennung in langobardisches und byzantinisches Gebiet im 7. und 8. Jahrhundert zurückgeht und sich im unterschiedlichen Konsum von Wein (eher Weißwein oder eher Rotwein) und Fleisch (eher Schweine- oder eher Hammelfleisch) zeigt. Rau formulierte als Fazit zwei Paradoxien: "1. Eine Grenze funktioniert oft nur, solange sie nicht infrage gestellt wird. 2. Ohne Grenzen gibt es kein Miteinander - keine sozialen Gruppen."

Das Verschieben von Grenzen durch die naturwissenschaftliche Forschung machte die Innsbrucker Physikerin Sabine Schindler an den Begriffen "Gravitationswellen, dunkle Energie und schwarze Löcher" deutlich. Der 2015 erfolgte Nachweis von Gravitationswellen, auf deren Existenz Albert Einstein (1879-1955) bereits 1916 hingewiesen hatte, sei ein solcher Durchbruch gewesen. Damit werde der Astronomie ein neues Fenster eröffnet. Auch die Debatte über eine "Theory of Everything", also die Zusammenfassung aller beobachtbaren Phänomene, wurde dadurch neu angeregt.

Die weitere Forschung stoße aber auch an technologische Grenzen, die immer schwieriger auszuweiten seien - wie die Größe von Teilchenbeschleunigern, die Komplexität von Satelliten, die Spiegeldurchmesser von Teleskopen, die Leistung von Supercomputern oder die Empfindlichkeit von Detektoren.