Würden Bibel und Naturwissenschaft einander widersprechen, so erklären sie, entstünden zwei Wahrheiten - eine theologische und eine philosophische. Das aber schade dem Glauben. Galilei weiß Abhilfe: Da es nur eine Wahrheit geben könne, müsse man eben die entgegenstehenden Bibelstellen anders auslegen!

Seit Jahrzehnten bemüht sich Rom, seine Autorität gegenüber den Protestanten wiederherzustellen. In diesem Ringen geht es, unter anderem, um die Auslegung von Bibelstellen. Rom beansprucht darauf das alleinige Recht. Mischen sich nach den Protestanten jetzt auch Philosophen und Mathematiker in die Domäne der Theologen ein? Wird die Autorität der katholischen Kirche abermals in Frage gestellt?

Robert Bellarmin fungierte als Großinquisitor im Inquisitionsprozess gegen den Philosophen Giordano Bruno, der als Ketzer am Scheiterhaufen starb. 1615 fordert dieser Kardinal einen Beweis für die Richtigkeit der kopernikanischen Lehre ein. Wenigstens für Galilei gelten die Gezeiten als solcher: Im Jänner 1616 verfasst er den Diskurs über Ebbe und Flut.

Lehrverbot von 1616

Kurz danach lässt der Papst die Grundsätze der kopernikanischen Hypothese überprüfen. Nach zwei Tagen Beratung wird die Behauptung einer ruhenden, zentralen Sonne als ketzerisch gebrandmarkt, die Annahme einer bewegten Erde als irrtümlich für den Glauben. Das päpstliche Dekret vom 5. März 1616 untersagt es, das kopernikanische Weltbild zu vertreten oder zu lehren. Man darf es zwar erwähnen, aber gleichsam nur als Gedankenspielerei.

Schließlich wird Maffeo Barberini, ein Gönner Galileis, zum Kirchenoberhaupt gewählt: Als Urban VIII. gewährt er Galilei mehrere Audienzen. Doch Urban will keine Aufhebung des Lehrverbots von 1616. Nicht einmal ein wissenschaftlicher Beweis für die Erdbewegung würde ihn überzeugen. Denn selbst wenn sich einschlägige Phänomene am Himmel fänden, könne Gott diese auf andere, unendlich viele verschiedene Arten hervorgebracht haben. Der menschliche Verstand, so der Papst, sei einfach nicht in der Lage, Gottes Werk zu verstehen. Der enttäuschte Galilei stellt 1632 ein neues Buch fertig. Er will es "Über Ebbe und Flut" nennen. Papst Urban lehnt diesen Titel ab.

So erscheint es als "Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme". Im Vorwort heuchelt Galilei Zufriedenheit mit dem Lehrverbot: Er spricht von einem "weisen Beschluss", der den Anhängern der sich bewegenden Erde "rechtzeitiges Schweigen" auferlegt habe. Dann folgt ein fiktiver Dialog dreier Männer. Galilei schlüpft in die Figur des Florentiners Salviati. Dessen Gegenspieler nennt er "Simplicio", was ans italienische semplicione ("Einfaltspinsel") erinnert: Dieser Diskutant bevorzugt die althergebrachte Sicht der Dinge. Drei Tage lang zerstreut Salviati die naturphilosophischen Einwände, die gegen das kopernikanische Weltbild vorgebracht wurden.

Der vierte und letzte Tag ist ausschließlich den Gezeiten gewidmet. Galilei zieht sie wie einen Trumpf aus dem Ärmel. Einmal mehr wird die Bewegung der Erde dafür verantwortlich gemacht. Dass Kepler hingegen von der "Herrschaft des Mondes über das Wasser" spricht, ist für Galilei nur eine von dessen "Kindereien".

Prozess & Rückzug

In seiner allerletzten Wortmeldung räumt Simplicio ein, dass ihm die Annahme der Erdbewegung als die plausibelste Erklärung erscheint. Gleichwohl hält er sich lieber an "eine unerschütterlich feststehende Lehre", die ihm "einst eine ebenso gelehrte wie hochgestellte Persönlichkeit gegeben" habe: Demnach könne der allmächtige Gott dem Wasser die Bewegung auch auf andere Art mitteilen - und zwar auf "vielfache, unserem Verstande unerfindliche Weise".

Hier ist er wieder, der Lieblingsgedanken des Papstes - verkündet vom "Einfaltspinsel" Simplicio. Kurz zuvor hat Galilei das Resümee seines Dialogs gezogen: "Somit haben uns die Untersuchungen der letzten vier Tage gewichtige Zeugnisse zugunsten des kopernikanischen Systems geliefert". Galileis Gegner erkennen sofort, wie frech dieses Werk gegen das Lehrverbot von 1616 verstößt. Der Gelehrte hat sich damit der Ketzerei verdächtig gemacht und wird nach Rom zitiert. Dort macht man ihm den Prozess.

Galilei kennt das traurige Schicksal des unbeugsamen Philosophen Giordano Bruno. Um sein eigenes Leben zu retten, schwört er schließlich allen "Irrtümern und Ketzereien" ab. Das wird vielerorts verkündet. Ausgerechnet Galilei, der berühmteste Streiter für Kopernikus, rudert zurück! Nichts scheint für die Inquisition von größerer Strahlkraft zu sein als dieses öffentliche Abrücken. Im Gegenzug verurteilt sie den Angeklagten bloß zu lebenslangem Hausarrest. Der gläubige Katholik erblindet und stirbt am 8. Jänner 1642 in seiner Villa bei Florenz.