Im Hinterland: In Wien wurde sogar der neue Bau der Sezession in ein Lazarett umgewandelt. - © Ullsteinbild/Imagno/Austrian Archives
Im Hinterland: In Wien wurde sogar der neue Bau der Sezession in ein Lazarett umgewandelt. - © Ullsteinbild/Imagno/Austrian Archives

Der Russisch-Japanische Krieg 1904/05 und die beiden Balkankriege 1912/13 boten k.u.k. Militärärzten Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Sie schlossen sich den Hilfsexpeditionen der Rotkreuzvereine auf dem Weg nach Bulgarien an. Sämtliche Schulgebäude in Sofia waren 1913 mit Verwundeten und Kranken überfüllt und so konnten die Militärärzte Erfahrungen auf dem Gebiet der Seuchenbehandlung und der ballistisch-medizinischen Problematik sammeln.

Hitze und Erfrierungen

Als dann 1914 der Krieg ausbrach, hatte das Bündnissystem zur Folge, dass sich zusätzlich zur Balkanfront die Nordost- und die Südwestfront, schließlich auch noch die Südostfront in Palästina und Syrien mit völlig unterschiedlichen geografischen Gegebenheiten und Wetterbedingungen herausbildeten. Viele Soldaten verloren ihr Leben oder erlitten Verletzungen, die zu drei Viertel durch Artillerie-Granatsplitter verursacht wurden.

Dazu kam das Krankheitsri-
siko: Dauerregen im versumpften Galizien rief Nieren-, Gelenks- und Darmerkrankungen hervor. Der eisige Winter in den Karpaten und im Hochgebirge an der Südwestfront führte zu Erfrierungen und damit zum Verlust von Gliedmaßen. Dagegen litten die k.u.k. Truppen in Serbien, Albanien, Mazedonien und in Palästina unter Hitze und Malaria.

In vielen Aufzeichnungen und Tagebüchern finden sich Hinweise darauf, dass in den Spitälern, auf den Hilfsplätzen und mitunter auch direkt auf den Kampfplätzen gegnerische Soldaten, Ärzte und Offiziere zueinander fanden.

Rund um die Festung Przemysl ergab sich 1914 sogar eine Art "Weihnachtsfriede" mit den Russen. Das Tagebuch des Festungsarztes Dr. Toman ist ein erschütterndes Dokument seiner Sorgen um Kranke und Verwundete in den überfüllten Festungsspitälern, seines Heimwehs und des Verlaufs seiner Fleckfieberkrankheit, die für ihn tödlich endete.

Das Leid der Soldaten an den Fronten verschärfte sich durch eine wuchernde Bürokratie, die in der Etappe Vorräte anhäufte, während die ausgehungerten, schlecht bekleideten Frontsoldaten von einem Kriegsschauplatz zum anderen verlegt wurden. Aufgrund des Ärztemangels waren Zahnärzte als Operateure tätig, Frauenärzte leiteten kriegschirurgische Stationen, Augenärzte arbeiteten als Chirurgen. Beschwerden über Ärzte gab es in den vier Kriegsjahren viele. Sie alle waren an die strengen militärischen Vorschriften gebunden und hatten unter anderem die Frontdiensttauglichkeit der Verletzten so rasch wie möglich wieder herzustellen.

Mangel herrschte aber nicht nur an Ärzten. Der Bedarf an di-plomierten Krankenschwestern wurde in Wien durch "Schnellsiedekurse" für Hilfspflegerinnen gedeckt. Zynisch kommentierte Karl Kraus, der selbst nie an der Front gewesen war, in der "Fackel" die Arbeit von Ärzten und Pflegerinnen. Ein bekannter Wiener Chirurg, der freiwillige Hilfskräfte wenig schätzte, sprach vom "Debacle der Frau im Feldsanitätsdienst". Doch es waren viele gute Ärztinnen und Pflegerinnen tätig, vor allem im unbeliebten, weil gefährlichen Epidemiedienst. Insgesamt sind mehrere hundert Ärztinnen in Etappe, Front und Hinterland namentlich fassbar.

Katholische, griechisch-orthodoxe und evangelische Militärgeistliche, Feldrabbiner und Geistliche für Muslime waren nicht nur für die Seelsorge zuständig, sondern bargen auch Verwundete aus der Feuerlinie.

Schrecken der Front

Weder an der Front noch im Hinterland war man auf den Verwundetenansturm gerüstet. Allein am 4. September 1914 trafen im galizischen Kolomea (heute Kolomyja, Ukraine) 8600 Verwundete ein. Andere wiederum blieben unversorgt liegen, weil keine Fahrzeuge zum Abtransport zur Verfügung standen: Nach Beobachtungen eines Oberstleutnants hatte eine Autokolonne die Ehefrauen von Offizieren zurückbefördert. Deren - überaus umstrittene - Anwesenheit an der Front wurde von Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf gefördert, um Geschlechtskrankheiten zu verhindern.

Hans Graf Wilczek, Präsident der Wiener Rettungsgesellschaft, organisierte einen Lazarettzug und konnte auf 165 Fahrten 40.000 Verwundete ins Hinterland transportieren lassen.

Noch im September 1914 musste sich die österreichisch-ungarische Armee in Galizien geschlagen geben und bereits im September trafen die Züge mit infektionskranken Flüchtlingen und Soldaten am damaligen Wiener Nordbahnhof ein. Ein wichtiger Schritt zur Verhütung der Einschleppung der Cholera oder Ruhr war die Einrichtung eines ärztlichen Permanenzdienstes auf allen Wiener Bahnhöfen. Dieser war bald überfordert und im Wiener Gemeinderat herrschte Alarmstimmung.

Wolfsattacken

Ab dem 23. Jänner 1915 begann für die physisch und psychisch angegriffenen Truppen die von vornherein zum Scheitern verurteilte Offensive in den galizischen Wald-Karpaten, einem unwegsamen, verschneiten Mittelgebirge. Wölfe fielen über nicht geborgene Verwundete her, die erschöpften Träger der Kochkisten erfroren im meterhohen Schnee auch noch Mitte März bei minus 20 Grad. 75 Prozent der Soldaten erlitten Erfrierungen. Auf dem stürmischen Gipfelplateau der Korbania drängten sich ohne jede Deckung hunderte darmkranke Soldaten. Von 4000 Mann blieben nach einer Woche nur mehr 200 übrig.