Die Kinder, die in den Missionsschulen Deutsch lernten, waren die eigentlichen Erfinder der besonderen Sprache (ein Bild aus Vunapope, 1927). - © (c) National Archives of Australia, Serie A6510 157
Die Kinder, die in den Missionsschulen Deutsch lernten, waren die eigentlichen Erfinder der besonderen Sprache (ein Bild aus Vunapope, 1927). - © (c) National Archives of Australia, Serie A6510 157

Nichts ist übrig geblieben, alles ist vergangen. Unter tropischem Dickicht in Vergessenheit geraten. Auf die koloniale Vergangenheit dieser Pazifikinsel deutet hier nichts mehr hin, die alten Plantagen, die Faktoreien und Verwaltungsgebäude sind allesamt verschwunden. Es ist, als wären die Deutschen niemals hier gewesen. Wäre da nicht dieser seltsame Grabstein. Er steht am Friedhof der katholischen Missionsstation von Kokopo, und auf ihm steht der Satz: "Aufwiedersehn meine Liebling".

Es sieht aus, wie ein Rechtschreibfehler. Aber das ist es nicht. Der Satz ist nicht falsch geschrieben, sondern in einer anderen Sprache. Einer Sprache, die vor über hundert Jahren von Kindern erfunden wurde, die niemand verschriftlicht und kaum jemand erforscht hat. Und die es bald nicht mehr geben wird. In den dunklen Stein dieses Grabes gemeißelt sind vier Worte der Sprache "Unserdeutsch". Es ist die einzige deutsch-basierte Kreolsprache der Welt.

"Kaiser-Wilhelms-Land"

"Unserdeutsch" ist ein linguistisches Relikt. Nur mehr hundert Menschen sprechen diese Sprache, die aus einer anderen Zeit stammt und einer anderen Welt. Aus einer Zeit, in der das neunzehnte Jahrhundert in das zwanzigste überging und westliche Imperialmächte die Erde beherrschten. Aus einer Welt, in der weiße Kolonialherren in leinenen Tropenanzügen durch ferne Gebiete wandelten und dort die Fahnen ihrer Heimat in fremden Boden stießen. Eine Welt mit willkürlichen Grenzen und mit willkürlichen Namen. Eine Welt, in der die Südsee deshalb deutsch war, in der Papua-Neuguinea "Kaiser-Wilhelms-Land" hieß und das Meer davor "Bismarcksee". In dieser See, im südwestlichen Pazifik und tausende Kilometer entfernt von Berlin, unterhielt das Deutsche Kaiserreich zwischen 1885 und 1914 seine Südsee-Kolonie.

Dieses "Deutsch-Neuguinea" unterschied sich von den anderen fünf deutschen Schutzgebieten in Afrika und China in Vielem, aber seine Kolonisierung folgte dem bewährten Muster: Zuerst kamen die Entdecker, dann die Missio-nare und Kaufleute, schließlich die Beamten. Die Missionare brachten die Bibel mit, die Kaufleute ihre Waren und die Beamten ihre Gesetze. Und sie alle brachten ihre Sprache. Deshalb hieß die Stadt, in der sich heute jenes seltsame Grab befindet, damals nicht Kokopo. Sie hieß "Herbertshöhe", und sie war für fünfzehn Jahre der Verwaltungssitz der deutschen Kolonie. Zweimal war man zuvor schon umgezogen, an beiden Standorten raffte die Malaria die Auswanderer hin wie die Fliegen. Auf der dem Festland vorgelagerten Insel "Neupommern" hoffte man auf ein gesünderes Leben, den vielen Vulkanen und feindselig gesinnten Ureinwohnern zum Trotz.

Die Hoffnung schien sich zu erfüllen, und bald reihten sich die Beweise deutscher Effizienz entlang der nördlichen Blanchebai zwischen Herbertshöhe und Rabaul: Regierungsgebäude, Krankenhäuser, Handelsniederlassungen, Kirchen. Die Beamten trieben Steuern ein und die Unternehmer enorme Gewinne, nur die Missionare waren nicht zufrieden. Während die Faktoreien vor Waren überquollen, blieben die Kirchen leer. Irgendetwas schien man falsch zu machen, die Bekehrung erwachsener Heiden ein aussichtsloses Unterfangen. Die katholischen "Herz-Jesu-Missionare" versuchten sich deshalb an einer neuen, radikaleren Strategie: Anstatt sich auf widerstandsfähige Erwachsene zu konzentrieren, sollten fortan Kinder im Mittelpunkt der Bekehrungsbemühungen stehen. Waisenkinder aus der Umgebung wurden zu diesem Zweck in die geschlossene Erziehungsanstalt der Missionszentrale gebracht, um dort in einem geschützten, isolierten Umfeld sozialisiert zu werden. So sollte ein christlicher "mixed-race" Kern entstehen, der später auf die Gesellschaft wirken würde.

Die Sprache der Kinder

Wo heute das Grab von "meine Liebling" steht - in der Missionszentrale Vunapope bei Kokopo -, befand sich damals eine deutschsprachige Parallelwelt. In ihrer Schule wurde Deutsch gelehrt, in ihrer Erziehungsanstalt Deutsch als Standardsprache gefordert. In ihren lokalen Stammessprachen konnten sich die Kinder nicht unterhalten, und die regionale Umgangssprache Tok Pisin wurde ihnen verboten.

Es war ein sprachliches Gefängnis, aber die kleinen Gefangenen fanden Schlupflöcher: In Pausen und unbeobachteten Momenten, in Gemeinschaftsräumen und Schlafsälen verständigten sich die Kinder, so gut sie konnten und mit dem, was sie kannten - Deutsch und Tok Pisin.

Ein Jugendslang entstand, ein Sprachenknäuel, das weiter und immer weiter gerollt wurde und schließlich zu einer Sprache führte. Eine Sprache, die den Kindern gehörte, ihnen ganz allein. Es war nicht das Deutsch der Weißen, nicht das Deutsch der Erwachsenen. Es war "Unserdeutsch".

Als deutschsprachiger Hörer kann man viel davon verstehen. So wie die Grabinschrift am Missionsfriedhof, so ähnelt auch der restliche Wortschatz dem Hochdeutschen in großen Teilen. Zu neunzig Prozent sind die Wörter ident, auch wenn ein paar Eigenheiten ihnen manchmal seltsame Klänge geben und aus einem Frühstück ein "Frihstick" machen, aus einer Pflanzung eine "Flansung", oder aus einem Geschäft einen "Schtore".