Es war eben Mitternacht, in der Druckerei der "Wiener Zeitung" ging es wie immer zu dieser späten Stunde heiß her. Die Setzer hatten längst Feierabend gemacht, nun waren die Drucker am Werk: Blatt für Blatt kam aus den Pressen, 2000 Stück, datiert auf Donnerstag, den 24. März 1814, lagen schon fertig für den nächsten Morgen bereit. Da flatterte dem Chef des Blattes, Conrad Dominik Bartsch, ein Brief ins Haus, der wohl seinen Blutdruck gewaltig steigen ließ. Absender: Die Polizei-Hofstelle. Man verlangte, dass eine Meldung vom Kriegsschauplatz noch ins aktuelle Blatt zu rücken sei - um diese Uhrzeit freilich unmöglich: Die Zeitung erschien ohne die Information.

Ein anderer Umstand aber war es, der Bartsch in Rage versetzte: Das von Metternich gelenkte Konkurrenzblatt, der "Oesterreichische Beobachter", hatte die Nachricht viel früher erhalten - und das, obwohl der "Wiener Zeitung" vertraglich das Recht auf vorrangige Berichterstattung zugesichert war. Damit nicht genug: Nun wollte man auch noch, dass die "Wiener Zeitung" den Bericht aus dem "Beobachter" nachdrucke . . .

Wutentbrannt griff Bartsch am nächsten Morgen zur Feder und erklärte dem "verehrten Herrn Hofrath" die Grundsätze des Blattmachens im Zeitalter des Handsatzes: "Es wären Stunden erforderlich gewesen, einen oder mehrere (Setzer, Anm.) aus ihren entfernten Vorstadt-Wohnungen zur Druckerey kommen zu lassen, Stunden, um einen neuen Satz zu machen, neu umzubrechen und neu einzuheben". Ganz zu schweigen von der Aufregung, die es gegeben hätte, wäre die Zeitung mit so großer Verspätung erschienen. Schlichtweg als Affront empfand er den verlangten Nachdruck aus dem "Beobachter": "Noch niemahls ist dieses geschehen, noch nie ist es von uns verlangt worden: es ist auch wohl keine tiefere Herabwürdigung der Wien. Zeitung denkbar."

Bartschs zorniger Brief, archiviert im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, wirft nur ein Schlaglicht auf eine finstere Epoche in der Geschichte der "Wiener Zeitung". Unter Metternich stand das Blatt auf der Abschussliste. Und mit ihm sein Redakteur Bartsch. Kein Wunder, sorgte dieser doch dafür, dass durch die "kaiserliche privilegirte Wiener Zeitung" ein Hauch Demokratie wehte - soweit es das enge Korsett der Zensur eben zuließ.

Grund genug für den Staatsmann, sowohl Blatt als auch Redakteur in den Ruin treiben zu wollen. Bei jenem verfehlte er sein Ziel bekanntlich, bei letzterem erreichte er es. Aber alles von Anfang an.

Förderer Sonnenfels

"Meine Geburt hat mich unter die kleinen Menschen gesezet", schrieb der spätere Blattmacher, Jahrgang 1759, als 17-Jähriger an seinen Freund József Hajnóczy. "Ich hab nie große Projekte und Entwürfe gemacht, und die kleinen, die ich machte, waren entweder klug angeleget, oder es geschah durch Zufall: (. . .) das Schicksal hat sie mir allzeit begünstiget." Dass der aus bescheidenen Verhältnissen stammende Bartsch Karriere machen konnte, verdankte er vor allem seinem Lehrer und Förderer Joseph von Sonnenfels (ca. 1732-1817), der dem begabten jungen Mann manche Tür öffnete. Zum Beispiel jene zu einem exklusiven Zirkel von Intellektuellen, die sich Werten wie Humanität, Toleranz und Demokratie verpflichtet fühlten: den Freimaurern. Sonnenfels war Mitglied der Loge "Zur wahren Eintracht"; Bartsch suchte 1783 erfolgreich um Aufnahme in die "Gekrönte Hoffnung" an, wo er zeitweise das Amt des Sekretärs versah. Als solcher kümmerte er sich um die Abwicklung des umfangreichen Schriftverkehrs sowie um die Arbeitsprotokolle.

Als "Musterbeispiel eines Freimaurers" bezeichnet ihn Rüdiger Wolf, Historiker und selbst Freimaurer. Angeregt durch mehrere Beiträge zu Bartsch, die im "Wiener Zeitung"-Geschichtsfeuilleton "Zeitreisen" erschienen, begann der Forscher mit intensiver Archivrecherche auf den Spuren Bartschs, wobei er unter anderem auf den eingangs zitierten Brief aus 1814 stieß. "Er fühlte sich", so Wolf, "der Wahrheit verpflichtet und setzte sich unter Inkaufnahme von persönlichen Nachteilen für die Idee der Aufklärung ein." Und zwar nicht nur als Freimaurer, sondern auch als Journalist.

Bartsch hatte 1782 als 23-Jähriger die Redaktion der "Wiener Zeitung" und damit des wichtigsten Periodikums der Monarchie übernommen. Trotz Zensur, die auch unter Joseph II. herrschte, versuchte er aufklärerisches Gedankengut zu vermitteln. Der wohl größte Coup seiner Laufbahn gelang ihm 1789, als er die französische Menschenrechtserklärung ins Deutsche übersetzte und durch die "Wiener Zeitung" erstmals in der Monarchie verbreitete. Es waren unerhörte Sätze, die am 9. September im Blatt zu lesen waren: "Alle Menschen sind frey geboren, und bleiben frey und gleich in Ansehung der Rechte." (Artikel 1) Oder: "Der Grund aller Souverainität ist in der Nazion." (Artikel 3) Jedem absoluten Herrscher, auch dem aufgeklärten Joseph II., musste dabei mulmig werden. Eine solche Ak- tion erforderte also Mut und journalistisches Geschick. Bartsch verstand es meisterhaft, die Zensur zu umschiffen. Er platzierte die Sensationsmeldung nicht auf der Titelseite, sondern unauffällig mitten im Blatt - dafür in vollem Wortlaut. Artikel 13 bis 17 folgten am 16. September.