Eine Plattenrüstung aus heutigem Material, wie jene von Hannes Rohr (Bild), kostet ab 2000 Euro. - © Jasmin Ziegler
Eine Plattenrüstung aus heutigem Material, wie jene von Hannes Rohr (Bild), kostet ab 2000 Euro. - © Jasmin Ziegler

Das Mittelalter: eine finstere Epoche zwischen Antike und Neuzeit, in der Hochkulturen mit der Völkerwanderung untergingen und erst viel später wieder aufblühten. "Dark Ages", wie der Engländer sagt, wenn er vor allem das Frühmittelalter meint. Aber stimmt das überhaupt? War das Mittelalter wirklich so finster? Brachte es wirklich so dramatische kulturelle Einbrüche?
"So dunkel, wie viele glauben, war das Mittelalter in Europa sicher nicht", sagt dazu Meta Niederkorn, Historikerin an der Universität Wien. Es gab freilich regional große Unterschiede. "Wer im ehemaligen Imperium Romanum lebte, fand eine andere Lebenssituation vor, weil das Gebiet schon davor von der Verwaltung her sehr dicht durchdrungen war. Diese Strukturen blieben auch lange nach dem Untergang des Weströmischen Reiches erhalten."

Stadt-Land-Gefälle

Niederkorn spricht auch von einem starken Stadt-Land-Gefälle, was das Leben der mittelalterlichen Bevölkerung betrifft. "In den Städten, die schon vor dem 4. Jahrhundert zum dicht verwalteten Gebiet gehört hatten, gab es auch im Mittelalter eine hohe Alphabetisierungsrate und viel Hochkultur. In Gebieten, die tatsächlich nie römisch geprägt waren, war das sehr viel weniger ausgeprägt." Insgesamt schätzt sie die Alphabetisierungsrate im mittelalterlichen Europa auf höchstens 10 Prozent. Allerdings: Je dichter die Verwaltung wurde, desto wichtiger wurde es, lesen und schreiben zu können, und die Alphabetisierungsrate stieg zumindest in den Städten. "Es konnten aber wohl auch noch im 14. Jahrhundert in den Städten maximal 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung gut lesen und schreiben", meint die Historikerin. Schließlich konnte es sich nicht jeder leisten, seine Kinder in die Schule zu schicken und auf deren Arbeitskraft zu verzichten.
Das Mittelalter war auch stark geprägt von der Kirche und deren Verwaltungsstruktur, auf die weltliche Herrscher ebenfalls zurückgreifen konnten. Denn ähnlich wie die Ausbreitung der arabischen Herrschaft eng mit der Islamisierung zusammenhing, ging mit der Ausdehnung des Herrschaftsgebietes unter Karl dem Großen in Richtung Osten eine breite Christianisierung einher. Dabei spielte Latein als Sprache der Kirche eine wichtige Rolle als Verkehrssprache, die in so gut wie ganz Europa verstanden wurde, während im ehemaligen Oströmischen Reich das Griechische dominierte.
Die Städte begannen jedenfalls als Verwaltungszentren eine immer größere Rolle zu spielen, zumal besonders im Hochmittelalter die Themen Wirtschaft, Handel und Verkehr immer wichtiger wurden. Auch weil die Bedürfnisse nach Luxusgütern im Gefolge der Kreuzritter aus dem Nahen und Fernen Osten und auch aus Nordafrika nach Europa kamen. Damit zusammen hing auch ein neuerlicher Umstieg von der Naturalien- auf die Geldwirtschaft. "Schon in der Antike hatte Geld eine hohe Präsenz, die dann aber etwas zurückgegangen war", erläutert Niederkorn. Europa war in dieser Zeit sehr stark von östlichen Einflüssen geprägt, sie spricht aber von einer eher einseitigen Befruchtung: "Umgekehrt ist in kultureller Hinsicht wenig Nennenswertes aus Europa in den arabischen Raum gekommen." Am ehesten wurden noch gewisse Herrschaftsformen exportiert, "nur hat etwa der Feudalismus in der arabischen Gesellschaft nicht funktioniert". Im Zusammenhang mit der Christianisierung, die mit den Kreuzzügen einherging, spricht sie von einem "unglaublichen Hochmut der Europäer, die den anderen über ihre Religion eine aus ihrer Sicht bessere Kultur bringen wollten". Und sie verweist darauf, dass die von Europa verehrten Kirchenväter aus Nordafrika und Syrien kamen. Die Kreuzzüge waren also insgesamt einerseits eine Bereicherungstour für jüngere Adelssöhne, die ohne Erbe das Abenteuer – und vor allem Land und Herrschaft – suchten, andererseits brachten sie auch wichtige Impulse für die europäische Wirtschaft und die Wissensbildung.