Im Wiener Hotel Métropole war ab 1938 die Gestapo-Leitstelle untergebracht. - © Sammlung Schafranek
Im Wiener Hotel Métropole war ab 1938 die Gestapo-Leitstelle untergebracht. - © Sammlung Schafranek

Nach 1945 war die angebliche "Allgegenwärtigkeit" der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) ein gängiger Topos in der Publizistik, in Filmen und anderen Medien. Diese oftmals behauptete oder implizit unterstellte Omnipräsenz des gefürchtetsten NS-Terrorapparats entpuppt sich bei näherem Hinsehen jedoch als leicht zu widerlegende Legende. Im Jahre 1941 zählte die Gestapo im Großdeutschen Reich (inklusive dem Protektorat Böhmen und Mähren sowie den annektierten westpolnischen Gebieten) lediglich 12.500 Mitarbeiter, die eine Schreckensherrschaft über etwa 97 Millionen Menschen ausübten.



Trotz dieser äußerst dünnen Personaldecke gelang es ihr, fast alle Gruppen des organisierten politischen Widerstandes zu zerschlagen. Widerstand und Verrat in der NS-Ära: Sie sind eng miteinander verflochten, ja fast unauflöslich verknüpft - wie Polizei und Verbrechen, Prostituierte und Freier, harte Drogen und Beschaffungskriminalität . . .

Dennoch hat die geschichtswissenschaftliche Forschung um die Thematik der Gestapo-Spitzel bis in die 1990er Jahre einen weiten Bogen gemacht, und bis heute gibt es zwar eine Anzahl von wissenschaftlichen Aufsätzen, aber keine größere, "flächendeckende" Untersuchung über eine Region oder gar eine Gesamtdarstellung zu diesem wichtigen Komplex.

Soeben erschienen: Hans Schafranek: Widerstand und Verrat. Czernin Verlag, Wien 2017, 504 Seiten, 29,90 Euro.
Soeben erschienen: Hans Schafranek: Widerstand und Verrat. Czernin Verlag, Wien 2017, 504 Seiten, 29,90 Euro.

Spürsinn erforderlich

Die Gründe für dieses jahrzehntelange Ausblenden sind ganz unterschiedlicher Natur. Zum einen erfordert die Untersuchung dieses Themas oftmals geradezu einen kriminalistischen Spürsinn. Denn die V-Leute (=Vertrauensleute) trugen in den allermeisten Fällen Decknamen und durften aus Gründen der Abschirmung mit ihren Opfern nach deren Verhaftung nicht konfrontiert werden. Wie Schatten geistern sie zumeist durch die Vernehmungsprotokolle der Gestapo und die Akten zahlreicher NS-Prozesse gegen Widerstandskämpfer.

Ein anderer Grund für die Marginalisierung der Thematik ist in "volkspädagogischen" und/oder politischen bzw. psychologischen Faktoren zu suchen. Die "Heroisierung" des antifaschistischen Widerstandes, seine Präsentation als unaufhaltsame "Erfolgsstory" mutierte in der DDR zum nationalen Gründungsmythos und vertrug sich schlecht mit der Tatsache, dass kommunistische und andere Widerstandsgruppen durch V-Leute monatelang, mitunter sogar über Jahre am unsichtbaren Gängelband der Gestapo geführt wurden.

Aber auch alle politischen Parteien in Österreich und der BRD, die sich nach 1945 auf den Widerstand gegen das NS-Regime beriefen oder personell teilweise sogar aus diesem hervorgingen, hatten kein Interesse, sich diesem schmerzlichen Teil ihrer Vergangenheit zu stellen.

Um organisierte illegale Gruppen und Netzwerke aufzuspüren, zu unterwandern und schließlich "aufzurollen", wie es im Gestapo-Jargon hieß, bedurfte es des gezielten Einsatzes von V-Leuten bzw. Konfidenten - so ihre Bezeichnung in Österreich. Für die angestrebte Zentralisierung des Spitzelsystems bei der Gestapo spielte die Etablierung eines Nachrichtenreferats (N-Referats) der Gestapo-Leitstelle Wien im Oktober 1938 eine Vorreiterrolle.

Im sogenannten "Altreich" fand dieser Zentralisierungsprozess erst Jahre später statt, bis dahin wachten die einzelnen Exekutivreferate eifersüchtig über ihre jeweils eigenen Spitzel und waren nicht bereit, sie Gestapo-intern "abzutreten".

Alle Mitarbeiter des Wiener N-Referats hatten bereits unter dem "Ständestaat" dem Polizeiapparat angehört, und der Referatsleiter (Lambert Leutgeb) war bei der österreichischen Staatspolizei von 1936 bis 1938 mit der Betreuung von Konfidenten befasst. Auch ein Teil der V-Leute betrieb dieses schmutzige Handwerk schon unter der "austrofaschistischen" Diktatur. Diese teilweise personelle Kontinuität trug auch zur mörderischen "Effizienz" des Spitzel-systems in der "Ostmark" bei.

V-Leute aller Art

Die Gestapo in der "Ostmark" re-krutierte ihre V-Leute aus allen Gesellschaftsschichten, von "lumpenproletarischen" Existenzen bis hin zu einem Erzherzog. Nach einer sehr grobmaschigen Kategorisierung sind tendenziell zwei "Gruppen" auszumachen, die sich personell teilweise überlappten: Einerseits (Klein)-Kriminelle, die zu einem erheblichen Teil bereits vor 1938 von der österreichischen Staatspolizei auf illegal tätige Organisationen angesetzt wurden; zum anderen Teil Antifaschisten, die aufgrund ihrer politischen Vergangenheit in einem hohen Maße erpressbar waren.

So sah etwa ein Erlass des RSHA (Reichssicherheitshauptamtes) vom Mai 1939 vor, KZ-Häftlinge, die anlässlich einer Amnestie freigelassen wurden, als V-Leute anzuwerben.

Brillante Top-Agenten à la James Bond darf man sich unter den österreichischen Gestapo-Spitzeln nicht vorstellen. Dutzende Konfidenten, über die nähere Informationen vorliegen, litten an Krankheiten oder körperlichen Gebrechen, andere waren Alkoholiker oder morphiumsüchtig, was die Gestapo gezielt ausnützte, indem sie die Betreffenden mit dem Suchtgift versorgte. Selbst Kurt Koppel ("Ossi", "Glaser"), der 1940/41 der Wiener Gestapo die Namen und Adressen von 800 (!) illegal tätigen Kommunisten preisgab, litt an einem körperlichen Handicap: Er war so kurzsichtig, dass er - als Angehöriger der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg - wegen Frontdienstuntauglichkeit nach Frankreich zurückgeschickt worden war.