Infiltration

Die schwersten Verluste durch eingeschleuste V-Leute erlitt zweifellos die kommunistische Untergrundbewegung. Aber auch die Zerstörung fast aller anderen Gruppierungen im Widerstand wurde in einem hohen Maße, häufig primär durch die Infiltration von Konfidenten verursacht, egal, ob es sich um sozialistische, legitimistische, konservative, katholische oder überparteiliche Kreise handelte. Auch der militärische Widerstand und jüdische Fluchthilfeorganisationen waren dagegen nicht gefeit.

Auf das Konto von Otto Hartmann gingen 1940 annähernd 300 Festnahmen (Gruppen Scholz/Lederer/Kastelic). Als Schauspieler am Burgtheater erhielt er nur kleinere Rollen, als Gestapospitzel durfte er endlich die Rolle seines Lebens spielen und war, bis dahin stets in Geldnöten, seiner materiellen Sorgen enthoben, da er für seinen Verrat mit einem fürstlichen Judaslohn honoriert wurde (angeblich 30.000 Reichsmark).

Ein Vergleich zwischen der Gestapo-Leitstelle Wien und dem "Altreich" lässt erkennen, dass die Unterwanderung des Widerstandes in der "Ostmark" noch stärkere Dimensionen annahm. Denn die Wiener Gestapo "begnügte" sich nicht damit, in bereits bestehende Widerstandsgruppen einzudringen und diese sukzessive zu unterwandern.

Am 2. April 1942 konstituierte sich ein illegales "Zentralkomitee der KPÖ", das als reine Gestapo-Konstruktion identifiziert werden konnte. Dieses "Leitungsgremium" wurde von drei Gestapo-Spitzeln (Josef Koutny, Leopold Koutny, Margarete Kahane) initiiert, die restlichen fünf Mitglieder waren arglose "echte" KP-Sympathisanten. Die genannten V-Leute hatten sich bereits seit den frühen 1930er Jahren in der kommunistischen Bewegung intensiv betätigt, bevor sie 1940/41 von der Gestapo "umgedreht" wurden.

Die "Rekrutierung" der Spitzel bewegte sich in einem breiten Spektrum zwischen Freiwilligkeit und Zwang. Für die eine Seite stehen etwa drei geltungssüchtige Jugendliche, die sich 1939 in eine Wiener Bezirksorganisation des Kommunistischen Jugendverbandes (KJV) einschlichen, mit dem Wissen um alle organisatorische Vorgänge bei der Gestapo vorstellig wurden und in der Folge als V-Leute angeworben wurden.

Der Fall Zwifelhofer

Am anderen Ende begegnen wir - stellvertretend für ähnliche Fälle - einem Mann wie Karl Zwifelhofer, der in einer völlig aussichtslosen Lage einen Deal mit der Gestapo aushandelte, um sein Leben zu retten. Bereits als 16-Jähriger im KJV aktiv, gehörte er ab 1925 dessen Zentralkomitee an und avancierte in der KPÖ zu einem Spitzenfunktionär (1933/34 Mitglied des ZK und des Polbüros). Als "Berufsrevolutionär" war Zwifelhofer in vielen europäischen Ländern in geheimer Mission unterwegs, bevor er im März 1941 der Prager Gestapo ins Netz ging.

"Zwifelhofer redete wie ein Buch" - diese Einschätzung von Hilde Koplenig (Witwe des langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Johann Koplenig) in einem Interview mit dem Verfasser bestätigte sich Jahrzehnte später durch den Fund der Gestapo-Vernehmungsprotokolle in Berlin und Moskau.

Im November 1942 vor den Schranken des Volksgerichtshofs, zog Zwifelhofer nach Verkündung des Todesurteils eine letzte Karte aus dem Ärmel. Er bot der Gestapo weitere Informationen an, die so wichtig waren, dass noch 1943, nach zweijähriger Haft, illegale Widerstandsgruppen ausgeforscht werden konnten. Die Gestapo intervenierte wiederholt beim Reichsjustizministerium, um einen jeweils sechsmonatigen Aufschub der Vollstreckung des Todesurteils zu erwirken. In der Haft betätigte sich Zwifelhofer auch als "Zellenspitzel" und "bearbeitete" mehr als 70 Mithäftlinge, um sie zu Geständnissen zu bewegen. Im Sommer 1945 verliert sich Zwifelhofers Spur . . .