Dokumentationsarbeit mit Zettelkästen im Mundaneum, Brüssel, ca. 1910. - © Mundaneum, Mons
Dokumentationsarbeit mit Zettelkästen im Mundaneum, Brüssel, ca. 1910. - © Mundaneum, Mons

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Mit diesem Satz wird die heutige Zeit oft beschrieben, doch diese Diagnose trifft nicht nur auf unsere Epoche zu. Die Menschheit erlebte immer wieder Phasen, in denen ihr Wissen mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit wuchs. Blicken wir etwa auf das Ende des 19. Jahrhunderts: Bis dahin unbekannte Weltteile wurden erforscht, dazu kamen Entdeckungen in den Naturwissenschaften und zahllose Erfindungen, welche die technische Entwicklung vorantrieben.

Doch wie konnte man einen Überblick über dieses Wissen behalten? Wie könnte es erfasst und Forschern auf der ganzen Welt zugänglich gemacht werden, noch dazu in einer Zeit, in der die Kommunikation schwieriger und langsamer war als heute? Zwei Belgier versuchten, Antworten auf diese Fragen zu finden. Sie scheiterten zwar dabei, legten aber die Grundlagen für unser heutiges Wissensmanagement.

Justiz-Archivierung

Der 1868 in Brüssel geborene Paul Otlet war schon als Kind von Büchern fasziniert, studierte Rechtswissenschaft und begann in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten. Viel mehr als die juristische Arbeit beschäftigte ihn aber ein Projekt seines Chefs, der die gesamte belgische Rechtsprechung zusammentragen, archivieren und öffentlich zugänglich machen wollte. Otlet merkte aber bald, dass mit den damals üblichen Methoden der Archivierung solch ein großes Vorhaben nur schwer umgesetzt werden konnte. Sein Interesse an der Frage, wie Wissen dokumentiert werden kann, war damit geweckt.

In dieser Anwaltskanzlei lernte Otlet auch den um vierzehn Jahre älteren Juristen Henri La Fontaine kennen. Dieser engagierte sich in der damals noch jungen Friedensbewegung und war einer der führenden Pazifisten Belgiens. In Antwerpen organisierte er einen internationalen Friedenskongress, setzte sich für Abrüstung und die Schaffung von internationalen Gerichten ein und wurde für seine Bemühungen schließlich belohnt, als ihm im Jahr 1913 der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

1895 gründeten Otlet und La Fontaine in Brüssel das Office International de Bibliographie und traten mit einem großen Vorhaben an: Sämtliche auf der Welt veröffentlichten Werke - also sowohl Neuerscheinung als auch ältere Publikationen - sollten erfasst werden. Otlet und La Fontaine wollten damit einen Überblick über den weltweiten Stand der Forschung ermöglichen und die internationale Kooperation in der Wissenschaft verbessern. Ihre Überlegung war: Wenn die Forscher als Avantgarde der jeweiligen Nationen über die Grenzen hinweg zusammenarbeiten und ihr Wissen in den Dienst der guten Sache stellen würden, so könnten Kriege in Zukunft verhindert werden.

Mit Unterstützung der belgischen Regierung wurde ein Kongress in Brüssel einberufen, um die neu gegründete Institution vorzustellen. Die Konferenz brachte die erwünschten Ergebnisse, die internationale Zusammenarbeit wurde vereinbart und die belgische Regierung stellte für das Office Räumlichkeiten zur Verfügung. In den folgenden Jahre wurde die neu erscheinende Literatur so weit wie möglich erfasst, auf standardisierten Karteikarten vermerkt und in ebenfalls standarisierten Karteikästen gesammelt.

"Kino, Phono, Radio, Tele: Diese Instrumente, die als Ersatz für das Buch gesehen werden, sind das neue Buch geworden." Dies schrieb Otlet in seinem Hauptwerk "Traite de la documenta-
tion", und gemeinsam mit La Fontaine vertrat er die damals noch ungewöhnliche Meinung, dass Wissen nicht nur in Büchern, sondern auch in Zeitungen, Zeitschriften, Landkarten, Bildern und vielem mehr gesammelt sei.

16 Mio. Karteikarten

Dementsprechend begannen die beiden, auch andere Medien als Bücher zu registrieren. Das Ergebnis war eine überbordende Sammlung, die nur mit Mühe geordnet werden konnte. Das Archiv des Office internationale wuchs mit beeindruckender Geschwindigkeit und umfasste schließlich 16 Millionen Karteikarten. Um all diese Informationen überblicken zu können, entwickelten Otlet und La Fontaine die damals üblichen Systeme der Katalogisierung zur Universellen Dezimalklassifikation weiter. Dabei werden die Bestände durch eine Ziffernfolge in Dreierkombinationen beschrieben, diese können wiederum kombiniert werden, was die Beschreibung von komplexen Sachverhalten in Ziffern möglich macht.

Der Erste Weltkrieg war eine Zäsur für die Arbeit von Otlet und La Fontaine. Die beiden flohen ins Ausland, um der deutschen Besatzung Belgiens zu entkommen, und die Arbeit an der Sammlung wurde für Jahre unterbrochen. Nach dem Ende des Krieges kehrten sie nach Brüssel zurück. Trotz der jahrelangen Unterbrechung hatten sie mittlerweile so viel Material gesammelt, dass die Sammlung in Brüssel vergrößert werden musste und an einem neuen Standort in Stadt angesiedelt wurde. Um den Anspruch, das Wissen der gesamten Welt abzudecken, schon in seinem Namen erkennen zu lassen, nannte Otlet dieses Gebäude Palais Mondial oder Mundaneum.

Seiner Meinung nach sollte die einzigartige Stellung des Munda-neums auch baulich in Form einer Cité Mondial sichtbar werden. Otlet überzeugte den bekannten Architekten Le Corbusier von seinem Vorhaben - und dieser entwarf den Plan einer Weltstadt. In ihr sollten neben dem weltweiten Archiv auch internationale Organisationen, politische Institutionen und eine Universität angesiedelt werden. Als besten Standort dafür sah Le Corbusier das Ufer das Genfer Sees, die Schweizer Behörden waren von den Entwürfen des Architekten allerdings wenig angetan, daher wurde dieses Vorhaben nie umgesetzt.