"Wiener Zeitung":Der Begriff "Besatzungskind" war für viele der Betroffenen zugleich ein Stigma und mit Ausgrenzung verbunden. Kann man den Begriff daher ohne Anführungszeichen verwenden?

Die Historikerin Barbara Stelzl-Marx forscht am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung zu den "Besatzungskindern" in Österreich. - © Barbara Stelz-Marx
Die Historikerin Barbara Stelzl-Marx forscht am Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung zu den "Besatzungskindern" in Österreich. - © Barbara Stelz-Marx

Barbara Stelzl-Marx: Die Bezeichnung hat sich inzwischen als Begriff der Zeitgeschichte etabliert. Wir möchten damit diese spezifische Gruppe von anderen Kriegskindern unterscheiden. Besatzungskinder sind jene Kinder, die von Ende 1945 bis Anfang 1956 in Deutschland und Österreich zur Welt kamen, die einheimische Mütter haben und deren Väter Angehörige der Besatzungstruppen waren. Manche der Betroffenen nennen sich aber lieber "Befreiungskinder" – so auch der Titel der Autobiographie von Eleonore Dupuis.

Sie sind die erste Historikerin, die sich speziell mit den sowjetischen Besatzungskindern in Österreich auseinandersetzt. Warum hat sich die Geschichtswissenschaft lange zurückgehalten?

Das kann mit der Quellenlage zur sowjetischen Besatzung generell zu tun haben: Die relevanten Dokumente in Moskauer Archiven waren jahrzehntelang nicht zugänglich. Es liegt aber vielleicht auch daran, dass die Arbeiten, die bis zu unserem Projekt am Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung "Die Rote Armee in Österreich" zur sowjetischen Besatzung gemacht worden waren, vor allem von männlichen Historikern durchgeführt worden waren. Diese hatten andere Aspekte in den Vordergrund gestellt. Meine Forschungen zu Besatzungskindern gehen auf dieses Projekt zurück. So haben wir nicht nur in Russland und in Österreich in Archiven recherchiert, sondern auch viele Interviews mit Zeitzeugen geführt. Darunter waren auch Besatzungskinder, die sich zum Teil selbst bei mir gemeldet haben, weil sie ihre Väter suchten. Ich wurde so für das Thema sensibilisiert. Es liegt zwar eigentlich auf der Hand, dass es Beziehungen von einheimischen Frauen mit sowjetischen Soldaten gab und dass als Folge Kinder auf die Welt kamen; das Thema war aber meistens nur im Kontext von Vergewaltigungen vorgekommen. Die romantischen Beziehungen, aus denen auch Kinder entstanden sind, hatten in der Forschung keine Rolle gespielt.

Wissen denn eigentlich die Betroffenen selbst immer, dass sie Besatzungskinder sind?