Es gibt bis heute Besatzungskinder, die es nicht wissen. Viele waren während der Nachkriegszeit von einer Mauer des Schweigens umgeben, von Verheimlichungen, von Lügen, Halbwahrheiten und Tabuisierungen. Manchmal verschwieg man die Herkunft, weil man die Kinder innerhalb der Familie schützen wollte oder – wenn die Mütter wieder heirateten – die Beziehung zu dem Stiefvater nicht gefährden wollte. Manche Besatzungskinder erfuhren die Wahrheit daher erst am Sterbebett oder nach dem Tod der Mutter beziehungsweise des Stiefvaters. Andere hatten es allerdings in der Kindheit und Jugend etwa durch Mitschüler oder das Umfeld eher unsanft erfahren. Darüber zu sprechen, war oft nicht möglich, denn für die Mütter waren es vielfach schmerzliche Erinnerungen und die Kinder trauten sich oft nicht, das Thema in der Familie anzusprechen.

In den 1950er Jahren und auch später noch war es sicherlich ein Stigma, keinen Vater zu haben, aber was unterscheidet die Erfahrungen der Besatzungskinder von den Erfahrungen, die andere uneheliche Kinder machten?

Ganz wesentlich ist der Umstand, dass im Falle der Besatzungskinder der Vater der ehemalige Feind war. In den ersten Jahren nach dem Krieg, als diese Kinder geboren wurden, waren die Feindbilder noch sehr präsent. Diese wurden oft auf die Mütter und in weiterer Folge auch auf die Kinder übertragen. Man hat vielfach abwertend von "Russenbraut" beziehungsweise "Russenbankert" gesprochen. Oft genug haben die Kinder ja erst durch die Beschimpfungen erfahren, dass ihr Vater ein Besatzungssoldat war. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass viele dieser Kinder auch heute noch auf der Suche nach ihren Wurzeln sind. Es ist ein Spezifikum der sowjetischen Besatzungskinder, dass der Kontakt zu den Müttern und den Kindern oft schon vor der Geburt oder unmittelbar danach abbrach. Rotarmisten hatten anders als die westlichen alliierten Soldaten offiziell keine Möglichkeit, bei den Müttern zu bleiben oder diese in die Heimat mitzunehmen. Eheschließungen mit Österreicherinnen waren bis 1953 verboten. Ein Heiratswunsch oder die Vaterschaft waren sogar oft der Grund für die Versetzung des Soldaten oder seine zwangsweise Rückkehr in die Sowjetunion. Es ist nur einem sehr kleinen Teil gelungen, während des Kalten Krieges erneut in Kontakt zu treten.

Kamen Besatzungskinder häufig in Heime oder wurden sie zur Adoption freigegeben?

Nein, wenn es ihnen irgendwie möglich war, haben die Mütter die Kinder innerhalb der Familie behalten, oft mit Hilfe der Großmütter oder anderer Verwandter. Nur sehr wenige wurden zur Adoption freigegeben. Das ist beachtlich, denn es gab weder eine staatliche Unterstützung noch das Recht auf Alimente. Die Mütter waren oft sehr jung und mussten schauen, wie sie wirtschaftlich über die Runden kamen.

Wissen Sie, wie hoch der Anteil der Kinder ist, die aus Vergewaltigungen stammen?

Das weiß man nicht genau. Aus unseren Forschungen können wir aber schließen, dass die Mehrheit der Besatzungskinder aus Liebesbeziehungen entstanden ist.