Die Identifikation mit dem Vater ist ein Weg, mit dem erlebten Stigma umzugehen, schreiben Sie. Gilt das für alle Besatzungskinder in ähnlicher Weise?

Ja, dieses Muster zieht sich durch. Ich habe eine Frau in der Steiermark kennengelernt, die zu Silvester 1945 auf die Welt gekommen war. Sie hat ihr Leben lang gewusst, dass ihre Mutter nach einer Vergewaltigung schwanger geworden war. Ihre Mutter, ihre Verwandten und das ganze Dorf haben sie das spüren lassen - bis heute. Und trotzdem war und ist es ihr ein Anliegen, zu erfahren, woher sie kommt; und trotz allem gibt es bei ihr eine gewisse Identifikation mit allem Russischen. Die Suche stellt einen Akt von "Empowerment" dar. Diese Identifikation mit Russland finden wir auch bei anderen sowjetischen Besatzungskindern. Tatjana Herbst, eine Betroffene, etwa hat mir erzählt, dass sie sich als Kind immer die Bilder des Kosmonauten Juri Gagarin angeschaut und gedacht hat "so sieht mein Vater aus". Viele erleben es so, dass sie zwei Nationalitäten in sich tragen. Sie sehen das positiv. Gerade in den letzten Jahren haben viele Besatzungskinder einen eigenen Stolz auf ihre Herkunft entwickelt.

Hat das Interesse der Forschung auch dazu beigetragen?

Ja, ich denke schon, dass die Forschung und auch die Medien geholfen haben, die Mauer des Schweigens ein wenig abzutragen. Die Forschung hat auch zur Vernetzung der Besatzungskinder beigetragen und sie bei der Suche nach ihren Vätern unterstützt. Der Austausch untereinander hat ihnen gezeigt: Es gibt noch viele andere so wie sie. Dies führt sie aus der Singularität heraus.

Welche Forschungsfragen in Bezug auf die Besatzungskinder sind für Sie noch offen?

Es gibt einige Fragestellungen, die interdisziplinär und international bearbeitet werden können. Etwa Fragen der Identität, der Diskriminierung oder die Weitergabe der Erfahrungen an die nächste Generation. Dies ist im Vergleich zu anderen Kindern des Krieges interessant, wie es etwa im Rahmen des EU-Projektes "Children born of War" passiert. Auch brauchen wir und die Betroffenen Unterstützung von offizieller Seite für die Suche im Archiv des Verteidigungsministeriums in Russland.

Welches waren die relevanten Archive und Quellen für die Forschung?

Eine extrem wichtige Rolle spielten private Sammlungen und Oral History-Interviews. Für den Kontext der Besatzung bildeten das Archiv für sozialpolitische Geschichte, das Militärarchiv, die Archive des Verteidigungsministeriums und des Außenministeriums in Moskau die Basis. Allerdings hat man dort nicht dokumentiert, ob die Soldaten Väter wurden. Wir konnten dafür nur die Fürsorge-Akten in Österreich heranziehen. Aber natürlich steht dort sehr oft "Vater unbekannt", dann kommt man nicht wirklich weiter. Es ist zum Teil die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Deswegen sind die Interviews, aber auch eine Fragebogenuntersuchung, die ich mit der Universität Leipzig durchgeführt habe, ein so wichtiger Bestandteil der Forschung.