In den Skizzen zu den Figuren im Zuschauerraum, den Logen und Rängen hat Klimt den Gesichtern noch keine individuellen Züge gegeben, die portraitgetreuen Physiognomien sind von ihm wohl erst später eingesetzt worden. Man muss sich die Entstehung vorstellen wie einen photographischen Schnappschuss, dem ein Retoucheur die Gesichter als Portraits später einsetzt. Jedenfalls hat Klimt uns mit diesem Aquarell gleichsam einen "gemalten Gotha" der Monarchie mit Einschluss der kreativen, großbürgerlichen Akademiker und Künstler hinterlassen.

Die Aufgeschlossenheit des Künstlers dem Neuen und Modernen gegenüber wirkt auch nach außen: seine Wahl zum Präsidenten der Secession ist Zeugnis davon. 1898 wird das Gebäude von Joseph Maria Olbrich in Form eines Kubus mit aufgesetztem Turmhelm aus durchbrochenen Goldornamenten als Ausstellungsraum errichtet. Wegen des Aufbaus wurde die "Secession" im Wiener Dialekt als "Krauthappel" bezeichnet und als solches ins Herz geschlossen, während die Elite um 1900 glücklich und stolz war, die Werke der zeitgenössischen Moderne (Vincent van Gogh, Max Klinger u.a.) in einem angemessenen Rahmen zu zeigen.

Klimt hat in seinem Leben von einem halben Jahrhundert viele Stilperioden durchwandert: Vom historisierenden Ringstraßen-Stil wie in seinen Burgtheaterfresken ging er über zu den ikonographischen, revolutionären - und abgelehnten - Fakultätsbildern; von den monumentalen Werken mit persönlicher Symbolik (etwa bei dem Bild "Tod und Leben") zum dokumentargetreuen Kommentar historischer Begebenheiten (siehe die naturgetreue Abbildung des Publikums auf dem Aquarell mit dem Interieur des alten Burgtheaters); von freien, eilig hingeworfenen Aktzeichnungen (Illustrationen zu "Lukians Hetärengesprächen") zu den impressionistischen, großen Landschaften der Spätzeit - bis zum absoluten Höhepunkt mit den berühmten Goldgrundbildern "Hoher Frauen" beziehungsweise Damen der Wiener Gesellschaft. Aus dieser Reihe gelangte das Portrait der Adele Bloch-Bauer, das zu Recht als die "österreichische Mona Lisa" bezeichnet wird, zu besonderem Ruhm. Es ist heute im Privatmuseum des Sammlers Ronald Lauder, der Neuen Galerie in New York, zu sehen.

Klimts "Mona Lisa"

Diese Klimt-"Mona Lisa", wegen des Goldgrundes auch "Goldene Adele" genannt, hing jahrelang im Belvedere. Im Rahmen der Nachforschungen zu gestohlenen jüdischen Besitztümern ist man in den 1990er Jahren auf die rechtmäßige Erbin des Bildes gestoßen, die Nichte Maria Altmann. Sie war nach dem "Anschluss" nach Kalifornien emigriert und sogar bereit, Österreich das Bild zu einem Freundschaftspreis zu überlassen. Maria Altmann war trotz Emigration und Enteignung eine österreichische Patriotin geblieben.

Die österreichischen Kulturbeamten haben aber alles darangesetzt, um die Rückgabe an die rechtmäßige Erbin zu verhindern, bis der amerikanische Supreme Court ein Urteil im Sinne der Besitzerin fällte. Die damals zuständige Bundesministerin, Elisabeth Gehrer, hat die Weltbedeutung der Klimt-Adele (Mona Lisa) anscheinend nicht verstanden und falsch gehandelt.

So weit so schlecht für Österreich. Das Bild selbst wurde nach erzwungener Ausfuhrbewilligung von Ronald Lauder, dem Präsidenten des World Jewish Congress und ehemaligen amerikanischen Botschafter in Wien, um 135 Millionen Dollar erworben und bildet heute das vielbewunderte Glanzstück seines Privatmuseums. Jetzt strömen Kunstfreunde aus ganz Amerika nach New York, um die "Goldene Adele", dieses Glanzstück der klassischen österreichischen Moderne, zu betrachten.

Es ist nicht das einzige Zeugnis der Geniewelt von 1900: Neben dem Trio der Malerei- Klimt, Kokoschka, Schiele - gibt es in der Musik das Trio Mahler, Schönberg und Berg, in der Architektur Hoffmann und Loos, sowie die beiden Solisten Kafka in der Literatur und Freud in der Psychiatrie. Ein Zehnpersonenkammerorchester mit unterschiedlichsten Instrumenten, das sich neben den Wiener Philharmonikern wahrlich sehen lassen kann!