Wien. Im Nationalsozialismus hat Anton Reinthaller eine steile Karriere hingelegt, wurde nach 1945 verurteilt, begnadigt und 1956 zum ersten Parteiobmann der FPÖ gewählt. Seine nachträgliche Selbstpräsentation und auch die mythisierende Darstellung in der FPÖ hinterfragt die Historikerin Margit Reiter am "Österreichischen Zeitgeschichtetag", der heute, Donnerstag, an der Universität Wien begonnen hat.

Der Bauernsohn aus Mettmach im Innviertel (OÖ) trat 1928 noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland der NSDAP bei. "Das ist extrem früh. Er gehörte damit schon dem wirklichen Kern der Nationalsozialisten an", erklärte Reiter im Gespräch mit der APA. Die Historikerin vom Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien hat sich anhand des Nachlasses Reinthallers zum ersten Mal wissenschaftlich auf die Spuren des in drei Systemen erfolgreichen Politikers gemacht.

Antisemitisches Weltbild "absolut gutgeheißen"

Dabei ist ihr aufgefallen, dass einige Lebensdaten Reinthallers immer wieder unterschiedlich notiert wurden und sich das bisherige Bild des ersten FPÖ-Obmanns in der Öffentlichkeit anhand der Faktenlage nicht durchgehend halten lässt. Zum Beispiel wurde der spätere NS-Landesbauernführer stets dem gemäßigten Flügel der Partei zugerechnet. "Das bezieht sich aber auf die Illegalität", präzisiert Reiter. Anders als der radikale Flügel der NSDAP in Österreich wollte Reinthaller die Machtübernahme auf halblegalem Weg erreichen. Das System der Austrofaschisten sollte unterwandert und quasi von innen heraus zu Fall gebracht werden.

"Das lässt aber nicht unbedingt einen Rückschluss darauf zu, wie antisemitisch oder ideologisch überzeugt jemand war", so die Historikerin. "Beispielsweise war auch (der spätere Chef des Reichssicherheitshauptamtes Ernst, Anm.) Kaltenbrunner in dieser Zeit diesem Flügel zuzurechnen." Das antisemitische Weltbild habe Reinthaller "absolut gutgeheißen", das gehe auch aus Unterlagen aus der Zeit nach 1945 hervor. "Er war sicher ein überzeugter Nazi. Ein ganz extremer Rassenfanatiker war er aber nicht."

Zweifelhafte Selbstdarstellung

Einige Selbstdarstellungen Reinthallers stellt Reiter infrage, etwa seine "Befriedungsaktion" nach dem missglücktem Juliputsch der Nationalsozialisten 1934. Wahr sei, dass Reinthaller das Gespräch mit Kanzler Kurt Schuschnigg suchte. Allerdings nicht, um im Sinne Österreichs zu handeln. "Das klingt recht nett, war aber natürlich nicht ganz so uneigennützig, wie er das darstellte", sagte Reiter. Schließlich wollte er erreichen, dass seine Partei nicht verboten wird.