In dieses geistige Milieu kam 1907 ein gelehriger Schüler, der erfolglose Kunstmaler aus Braunau, Adolf Hitler. Hier sog er den Judenhass auf, hier lernte er das Handwerkszeug für Masseninszenierungen und gnadenlosen Populismus. Der Wiener Lueger wurde zum Vorbild für den Oberösterreicher Hitler, der all das in die grausame Tat umsetzte, was der charmante Bürgermeister mit seiner Agitation angedeutet hatte.

Einsamer Kämpfer

Theodor Herzl war, als er den "Judenstaat" präsentierte, noch ein einsamer Kämpfer. "Ist das, was ich sage, heute noch richtig? Bin ich meiner Zeit voraus? Sind die Leiden der Juden noch nicht groß genug? Wir werden sehen", schrieb er seine, in heutiger Sicht, visionären Fragen. Der Großteil jener, die aus dem religiösen Judentum ausgetreten waren und die Chancen freier Bürger nutzten, konnten sich nicht vorstellen, welche Brutalität über sie hereinbrechen würde. Sie waren in ihrer Selbstzuschreibung keine Juden mehr, der Judenstaat war nicht ihre Lösung. Doch schon Lueger wurde der Satz zugeschrieben: "Wer ein Jud ist, bestimme ich."

Es war sein gelehriger Schüler Adolf Hitler, der die Kategorie der "jüdischen Rasse" einführte. Durch ihn gerieten sie alle, ob religiöse oder längst assimilierte, agnostische Juden in eine Falle, aus der es nur ein Entkommen gab, die Flucht. Doch noch war der Staat Israel nicht geboren und die englische Besatzung Palästinas verhinderte, dass sich die Menschen dorthin in Sicherheit brachten.

Heute werden Juden in Österreich oftmals gefragt, warum sie mit so großer Energie den Staat Israel verteidigten, auch wenn manche politischen Handlungen seiner gewählten Vertreter diskutabel und angreifbar sind. Für Menschen mit jüdischen Wurzeln, wie weit sie auch von der Religion entfernt sind, wird es nie mehr Sicherheit geben. Die Österreicher Karl Lueger und Adolf Hitler haben eine Kategorie des Judentums geschaffen, aus der es kein Austreten gibt. Damit wird das dank des Österreichers Theodor Herzl geschaffene Staatsgebilde immer ein Stück Sicherheit, eine letzte Rückzugschance bleiben, wenn etwa der heimische Antisemitismus oder jener von radikalen muslimischen Judenhassern seinen Kopf noch mehr als zuletzt hebt.

70 Jahre nach Ausrufung der Israelischen Unabhängigkeitserklärung wäre es an der Zeit, dass hierzulande die Rolle dieses Landes für eine Minderheit respektiert wird. Die einzige Demokratie im Nahen Osten ist ein Resultat österreichischer Politik von vor mehr als hundert Jahren. Es ist auch ein Element von Bewältigung der Vergangenheit, das zu verstehen - und dem Staat Israel zu seinem Geburtstag uneingeschränkt zu gratulieren.