"Troll-Spiele wurden im fortgeschrittenen Zustand der Trunkenheit durchgeführt", erklärt Simek. Nachdem sie Pferde oder auch Menschen verspeist hatten, warfen sie einander die Knochen zu. "Das geschah mit dem Ziel, anderen die Nase oder die Schlüsselbeine zu brechen. Es war humorig - unter Trollen." Auch das Ballspiel definierten die altskandinavischen Riesen der diesseitigen Erfahrung nach ihren Maßstäben. Wer einen glühenden, fettspritzenden Seehund-Schädel nicht fing und sofort wieder von sich schleuderte, war ein Feigling. Auf eine kindliche Weise harmonisch macht sich dagegen das Aneinanderdrücken von Fußsohlen aus: Dieses Spiel zeigt dem Helden in einer Erzählung, wie es bei Troll-Männern unter dem Kittel aussieht.

Troll-Frauen auf Wölfen

Erstaunlicherweise haben die Unholde "aparte Töchter. Sie sind hilfreich, nicht unhübsch und auch zuvorkommend", hält Simek fest: "Allerdings sind sie ein bisschen groß, was den Helden dazu veranlassen soll, über sich hinauszuwachsen." Die Troll-Frauen seien anders als ihre Töchter "abstoßend, hässlich, gefährlich, üblicherweise bösartig und alt". Manchmal sind sie beschützend und fürsorglich, in Ausnahmefällen (selten) hübsch, (öfter) hilfreich und "sexuell zuvorkommend". Troll-Frauen ritten im Mittelalter auf Wölfen, die sie mit Schlangen zügelten.

"Was wir über Trolle in den altnordischen Sagas lesen, ist eine ironische Darstellung der menschlichen Gegenwelt, die zeigen soll, wie man sich nicht benimmt", erläutert der Skandinavien-Forscher die Funktion seiner trolligen Dämonen für die Gesellschaft. Anstößigkeit, Raufen, Alkoholmissbrauch und seine Konsequenzen, brutale Spiele, Frauenverführung und -entführung, das Quälen von Frauen - kurz und gut "alles, was in der menschlichen Gesellschaft nicht in Ordnung ist, konnte man im Mittelalter Trollen andichten".

Wenn Menschen im Wald oder im Gebirge verloren gehen, dann hat sie der Troll geholt. Wenn ein Nebel einfällt und die Schafherde verschwindet, lässt sich das mit dämonischen Qualitäten erklären, die nicht den Zwergen gehören. "Die Trolle des Mittelalters haben mit ihren modernen Namensvettern im Internet eines gemeinsam, nämlich dass wir ihrer nicht habhaft werden können", betont Simek. Was früher für unbeherrschbare Naturkraft stand, ist in der Netzkultur jemand, der mit Kommentaren pöbelt und aus heiterem Himmel Streit anzettelt.

Trolle sind bis zu einem gewissen Grad hellsichtig und vor allem überraschend. Sie kommen sogar als Wiedergänger vor, die nicht im Grab ruhen, wie Runen an der Innenseite von Grabdeckeln zur Beschwörung der Totenruhe zeigen. Anders als Vampire sind sie keine Blutsauger, sondern absichtsvolle Zombies, die die Lebenden bewusst quälen.

Trolle haben tausende Namen, die sich die Helden als Mutprobe merken müssen. Die etymologischen Wurzeln des Wortes "Troll" dürfte auf das Verb "trulla" für betrügen und vorgaukeln zurückgehen. Ein "Trolldomir" ist ein Schadenszauber. Echten Zauberern sind die Trolle unterlegen.

Während sie im Mittelalter wenigstens vage mit Zauberei assoziiert wurden, verloren sie diese Kraft in der Neuzeit. In skandinavischen Volkserzählungen des romantisch geprägten 19. Jahrhunderts büßten sie sogar an Körpergröße ein, um den damaligen Idealen entgegenzukommen. Die riesigen, einzelgängerischen Waldbewohner wichen kleinen, wichtelartigen Berg- und Hügelvölkern, die in Familien- und Sippenverbänden leben und eine archaische, mitunter idealtypische Form der Gesellschaft spiegelten. Von geradezu menschlichem Kummer erfüllt erscheint schließlich Theodor Kittelsens "Troll, der darüber grübelt, wie alt er ist" aus dem Jahr 1911.