Es ist ein anderes Wien, das da im Zuge der Frühindustrialisierung an den Randzonen der Stadt entsteht, eine verborgene Welt der Zuwanderer und der Unterschichten, ein unbestimmtes Terrain voller Unwägbarkeiten, die Welt der "entern Gründ’". Hausierer, Schmierenkomödianten, Dudelsackpfeifer und andere Musikanten, Gaukler, umherziehende Bedienstete, Kellner, Miststierer, Flickschneider und -schuster, Taglöhner, Stickerinnen und nicht zuletzt die berüchtigten "Engelmacherinnen" bestimmen hier das Alltagsbild. Die Armut war unübersehbar: In den Vororten "balgen sich nackte Kinder mit den Hunden um die Knochen", so ein zeitgenössischer Beobachter.

Großteils kommen sie vom Land und sind "fremdbürtig" - entwurzelt und von ihrer Herkunft abgeschnitten, ohne sich vorerst in das ihnen so fremde soziale Gefüge der Stadt einpassen zu können; sie bilden den Kern eines neu entstehenden städtischen Subproletariats.

Für die Behörden stellte diese "Gattung nahrungsloser und größtentheils ungesitteter" Menschen, dieses "müßige und zügellose Gesindel", ein permanentes Potenzial der Gefahr und der Bedrohung dar, das es polizeilich zu überwachen und zu zähmen galt. Ausgestattet mit "ganz eigenen Grundsätzen" und, wie die Polizeihofstelle konstatierte, offenkundig ohne jegliche Anhänglichkeit an das Herrscherhaus, erschien diese "große Masse ganz mittelloser Personen" umso gefährlicher, als sie sich ständig aus der Arbeiterschaft der Manufakturen und frühen Fabriken zu erneuern schien.

Die so außerordentlich zahlreiche, "in allen Ecken der Vorstädte zerstreute" niedere "Classe" sei, wie die Polizeihofstelle 1803 befindet, nicht nur der größte, sondern auch der "unbändigste" Teil der hiesigen Bevölkerung, ihre aus der Enge des Zusammenlebens resultierende "Sittenlosigkeit" notorisch. Der Polizeiminister Pergen sprach schlicht von einer "wahren Pest für den Staat", infiziert mit jakobinischen Umsturzideen, und die kaiserliche Hofkommission erkannte einen zu allem bereiten Pöbel, der in keinem Fall etwas zu verlieren habe und "die Hände willigst dazu reiche, was ihnen Diebesrotten oder auch fremde und einheimische Aufwiegler immer darbieten".

Diesem Attest folgen in sich widersprüchliche und unlogische, vor allem aber gänzlich ergebnislose wirtschaftspolitische Maßnahmen. Ausgehend von einem allerhöchsten Schreiben vom 22. Februar 1802 wurde wiederholt ein Verbot von neuen Fabriksgründungen für Wien ausgesprochen, gleichfalls ein bis auf vier Meilen im Anschluss an die Linie (den heutigen Gürtel) ausgedehntes Bauverbot; die Neuerrichtung von Industrieunternehmungen sollte nach Tunlichkeit auf das flache Land verlagert werden. Die Verbote und Beschränkungen sind 1809/11 gefallen, ohne jemals auch nur die geringsten dauerhaften Resultate gezeitigt zu haben.