Bundespräsident Körner gratuliert Richard Menapace zum Sieg der Österreich Rundfahrt 1949. - © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com
Bundespräsident Körner gratuliert Richard Menapace zum Sieg der Österreich Rundfahrt 1949. - © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

"Wenn man uns das vor zehn Jahren gesagt hätte - nein, noch vor fünf oder drei oder zwei Jahren": So begann Theodor Herzl 1896 ein leidenschaftliches Plädoyer für das Radfahren. Es wurde als "allzu muntere Leibesübung junger Burschen oder lächerlicher Sportsnarren" gesehen, wie der Publizist und Begründer des Zionismus über den Einzug des "Bicycle" in Österreich schrieb. Der Anfang des Radfahrens, das war eine verstörende Innovation und ein unglaublicher Boom.

Kontroversen zieht das alltägliche Radfahren bis heute auf sich, denn das Tempo der Radfahrer scheint zu schnell für Fußgänger, zu langsam für Autofahrer und zu wenig beschaulich für Naturliebhaber. Radfahrer bewegen sich in Räumen, die vielfach beansprucht werden - in der Stadt genauso wie im alpinen Gelände.

In sportlicher Sicht bietet die Gegenwart mindestens dreifachen Anlass für eine Ausfahrt in die Geschichte des Radsports: Eine neue Generation österreichischer Profis zeigt mit starken Leistungen wie dem siebten Gesamtrang beim Giro d’Italia des Niederösterreichers Patrick Konrad auf; von 22. bis. 30. September findet in Tirol die Straßen

Radweltmeisterschaft statt - nach Villach 1987 und Salzburg 2006 bereits die dritte in Österreich; und die Österreich Rundfahrt feierte im Juli ihr 70. Jubiläum.

Zwei weiter zurück liegende Etappen einer historischen Radtour ragen aber besonders heraus: die Anfangszeit des modernen Sports ab etwa 1870 und die Jahre unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. In beiden Phasen war der Radsport in Österreich auf eine Weise präsent, wie man sich das heute kaum mehr vorstellen kann.

Erster Radverein 1869

Als das, was wir heute unter Sport verstehen, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Großbritannien ausgehend am europäischen Kontinent einrollte, war das Radfahren in Österreich eine der auffälligsten Erscheinungen. Der erste Radverein, der "Wiener Vélocipède-Club", wurde bereits 1869 gegründet - 16 Jahre vor dem ersten österreichischen Tennisclub, 22 Jahre vor dem ersten Skiclub und 25 Jahre vor dem ersten Fußballclub. Im Wien der Monarchie waren um die Jahrhundertwende mehr als 300 (!) Radclubs und mehrere Spezialzeitschriften etabliert. Über 30 Vereine gab es in Graz, einer weiteren frühen Hochburg des Radfahrens. Hier wurde 1893 auch der erste Radclub für Frauen in der k.u.k. Monarchie gegründet, was einen Schritt weiblicher Selbstbestimmung in feineren Kreisen bedeutete. Denn Radfahren war in dieser Gründerzeit ein Vergnügen für Wohlhabende. Ein Rad kostete 1895 rund die Hälfte des Jahreseinkommens einer Arbeiterfamilie.