In Washington fragte Außenminister Henry Kissinger den israelischen Botschafter Simcha Dinitz am 9. Oktober ungläubig: "Erklären Sie mir bitte, wie 400 Panzer an die Ägypter verloren gehen konnten?" Dinitz bat dringend um amerikanische Waffen. Kissinger: "Setzt ein, was ihr habt. Wir werden alles ersetzen."

Am 12. Oktober entschied sich US-Präsident Nixon für eine massive Luftbrücke: 25 Großraumflugzeuge flogen nun täglich 1000 Tonnen Kriegsmaterial nach Israel. Kissinger intern: "Die Kämpfe müssen weitergehen, damit die Araber und nicht wir um einen Waffenstillstand bitten."

Dann machten Ägyptens Militärs im Gefühl des Sieges einen schwerwiegenden Fehler: Ihre Panzer stießen weiter nach Osten vor und verließen damit den 30- km-Schutzschirm der SAM-Raketen. Mit katastrophalen Folgen. Auf 1000 ägyptische Panzer warteten jetzt 750 israelische.

Es kam zur größten Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg, die zu einer schweren Niederlage der Ägypter führte: am 14. Oktober hatten sie 250 Panzer verloren, die Israelis nur 20. Hunderte ihrer Soldaten waren tot. Israels ehemaliger Generalstabschef Bar-Lev kommentierte das so: "Es war wie in alten Zeiten." Die Israelis übernahmen nun die Initiative. Am 16. Oktober überquerten sie unter Führung von Ariel Sharon den Suezkanal und erweiterten in den nächsten Tagen ihren Brückenkopf. Wenig später standen sie zum Entsetzen der Ägypter 70 km vor Kairo. Auf dem Ostufer waren die Israelis dabei, die 3. ägyptische Armee - 20.000 Mann - einzukesseln.

Moskaus Parteichef Leonid Breschnew wies in dieser Situa- tion in einem dringenden Schreiben an Nixon auf die Verantwortung der beiden Großmächte hin, die Dinge "nicht außer Kontrolle geraten zu lassen", und bat ihn, Kissinger nach Moskau zu entsenden, um dort einen Waffenstillstand auszuarbeiten. Noch während Kissinger in Moskau war, "bettelte" (Kissinger) Sadat geradezu um sofortigen Waffenstillstand, während Kissinger Zeit für die Israelis gewinnen wollte. Intern machte er klar: "Wir haben es nicht so eilig wie die Sowjets."

Die Einigung in Moskau wurde am 22. Oktober um 00.52 Uhr als Resolution 338 vom UNO-Sicherheitsrat angenommen. Zwölf Stunden später sollte der Waffenstillstand in Kraft treten. Die Kriegsparteien wurden aufgefordert, Verhandlungen für einen "gerechten und dauerhaften Frieden" im Nahen Osten zu beginnen.

Waffenstillstand

Der Waffenstillstand war noch nicht in Kraft getreten, da wurde er schon gebrochen. Die israelischen Truppen auf der Westseite des Kanals wurden massiv verstärkt, gleichzeitig die 3. ägyptische Armee vollständig eingekesselt. Kissinger hatte Meir versichert: "Wenn die israelischen Truppen in der Nacht agieren, während ich im Flugzeug sitze, wird es keinen lauten Protest aus Washington geben." Moskau sah das anders. Breschnew jetzt: "Kissinger hat uns zum Narren gehalten und einen Deal mit Tel Aviv ausgehandelt." Er sprach von "Verrat" und verlangte von Nixon eine sofortige Aktion gegen Israel. Die erfolgte dann auch. Kissinger forderte Tel Aviv jetzt auf, den Waffenstillstand einzuhalten, der mit der neuen UNO-Resolution 339 am 23. Oktober bestätigt wurde und am 24. Oktober in Kraft treten sollte - und anschließend wieder gebrochen wurde.