Diesmal entschloss sich Moskau, so Kissinger, "es auf eine entscheidende Kraftprobe ankommen zu lassen". Breschnew schlug jetzt vor (Kissinger: "Praktisch ein Ultimatum"), dass sowjetische und amerikanische Streitkräfte gemeinsam für die Einhaltung des Waffenstillstands sorgen sollten. Würde Washington ablehnen, so Breschnews Drohung, würde Moskau allein handeln und mit Truppen im Nahen Osten intervenieren. Sieben sowjetische Luftlandedivisionen - 50.000 Mann - befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Alarmbereitschaft, 85 sowjetische Schiffe hatten Kurs auf Alexandria genommen.

Für Kissinger war klar, wie er intern betonte: "Wir müssen in den Ring steigen." Am 25. Oktober riefen die USA für ihre Truppen weltweit die Alarmstufe DEFCON 3 aus (erhöhte Alarmbereitschaft; DEFCON 2: Angriff steht unmittelbar bevor, DEFCON 1: Krieg) und bereiteten gleichzeitig den Einsatz von Atomwaffen vor.

Im Schreiben an Breschnew lehnte Nixon dessen "Ultimatum" ab und schlug stattdessen eine multilaterale Friedenstruppe der UNO vor, die den Waffenstillstand überwachen sollte. Die Zusammensetzung sollte UNO-Generalsekretär Waldheim überlassen bleiben. Breschnew stimmte zu. Das Ergebnis war die UNO-Resolution 340, die vom Sicherheitsrat am 25. Oktober beschlossen wurde. Der Jom-Kippur-Krieg war damit offiziell zu Ende.

Noch aber gab es die 3. ägyptische Armee, die Israel eingekesselt hatte und zerschlagen wollte. Für die USA war das nicht akzeptabel, wollte man nicht Sadat als möglichen Gesprächspartner verlieren. Kissinger machte gegenüber dem israelischen Botschafter unmissverständlich klar: "Wir werden das nicht zulassen. Auch die Sowjets werden so etwas nicht hinnehmen."

Würde Israel weiterhin die Versorgung der Armee verhindern, würde dies von der 7. US-Flotte übernommen. Das wirkte. Zum ersten Mal seit 1948 überhaupt sprachen dann, auf Druck der USA, am 28. Oktober Ägypter und Israelis miteinander: die Generäle Mohamad el-Gamasy und Aharon Yariv am berühmten Kilometer 101 der Straße von Kairo nach Suez.

Siedlungsbau

Was bleibt als Fazit? Zunächst: Ägypten hatte 2000, Syrien 3000 Tote zu beklagen, Israel 2521. Eine Untersuchungskommission machte später Israels Generalstabschef Elazar für das Desaster verantwortlich und verschonte Dajan und Meir, die dann aber auf Druck der Öffentlichkeit zurücktraten. Die Arbeiterpartei verlor massiv an Vertrauen, das auch Meirs Nachfolger, Yitzak Rabin, der Sieger des Sechstagekrieges, nicht mehr wiederherstellen konnte: 1977 kam die rechte Likudpartei unter Menachem Begin an die Macht und begann mit einem massiven Siedlungsbau in den besetzten Gebieten.

Der Krieg hatte im Übrigen gezeigt, dass Israels Armee verwundbar war - in erster Linie aufgrund von Überheblichkeit gegenüber den Arabern seit dem Sechstagekrieg 1967. Durch die militärischen Erfolge der Ägypter und Syrer war die in jenem Krieg verlorengegangene "arabische Ehre" wiederhergestellt worden. Aber es war auch klar geworden, dass eine Veränderung der Lage und die Rückgewinnung besetzter Gebiete nur auf dem Verhandlungswege zu erreichen waren. Und es galt von nun an, was Kissinger in seinen Erinnerungen so formulierte: "Amerika war zum entscheidenden Faktor in der Nahost-Politik geworden." Und von nun an definitiv zur Schutzmacht Israels. Gleichzeitig bewegte sich Sadat auf die USA zu.