Zu Lebzeiten erfolgreich, heute vergessen: Karl Emil Franzos (1848-1904). - © Archiv
Zu Lebzeiten erfolgreich, heute vergessen: Karl Emil Franzos (1848-1904). - © Archiv

Deutschnationales Denken und Judentum - nach den schrecklichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts sind dies zwei Gegensätze, die uns unvereinbar erscheinen. Am 25. Oktober 1848 wurde in einem kleinen russischen Forsthaus, gleich hinter der österreichischen Grenze, ein Bub geboren, der diese aus heutiger Sicht widersprüchlichen Pole in sich vereinen wollte: Karl Emil Franzos.

Kurz vor seiner Geburt war der polnische Aufstand ausgebrochen. Heinrich Franzos, ein Bezirksarzt in Tschortkau (heute Tschortkiw in der Ukraine), wollte seine hochschwangere Frau vor den Revolutionären in Sicherheit bringen und schickte sie zu einem befreundeten Förster, der nur ein Stück hinter der Grenze im Zarenreich lebte. Der Aufstand wurde bald niedergeschlagen und die Mutter konnte mit ihrem sechs Wochen alten Sohn in das heimatliche Städtchen zurückkehren. Dort erwartete sie schon der Vater, der dem Buben "das deutsche Nationalgefühl von Kindheit an eingeprägt" hat, wie Franzos später schreiben sollte.

Er gab seinem Sohn aber neben der deutschen noch eine weitere Identität mit, denn: "Deiner Nationalität nach bist du Deutscher, deinem Glauben nach ein Jude." Diese zweifache Identität machte Franzos und seine Familie auch in zweifacher Hinsicht zu Außenseitern: Für die Christen waren sie Juden, in der jüdischen Gemeinde aber waren sie wegen der aufgeklärten und deutschnationalen Haltung des Vaters ebenfalls nicht integriert.

Neben seinen Eltern prägten zwei weitere Menschen den Buben: Das Kindermädchen, denn es sprach ukrainisch und polnisch mit seinem Zögling und machte ihn so mehrsprachig, sowie sein erster Lehrer, der in Wien an der Revolution von 1848 teilgenommen hatte, zur Strafe in den Osten des Reiches geschickt worden war, aber dort seine Ideale an den Schüler weitergab.

Konflikt mit Behörden

Im Alter von zehn Jahren verlor Karl Emil den Vater, die Familie zog daraufhin nach Czernowitz, das erst wenige Jahre zuvor Hauptstadt des Kronlandes Bukowina geworden war. Franzos besuchte dort das Staatsgymnasium, das als einzige deutschsprachige Schule in der Region einen sehr guten Ruf hatte und als Vorposten der deutschen Bildung im Osten der Monarchie galt.

Die Jahre in der kulturell so vielfältigen Stadt mit deutschen, polnischen, rumänischen, ukrainischen Einwohnern und der großen jüdischen Gemeinde prägten Franzos. Zugleich erlebte er dort aber auch die Armut und Rückständigkeit der Region, was wiederum seine Verbundenheit mit der deutschen Kultur und den Idealen der Aufklärung förderte. In ihnen sah Franzos die einzigen Mittel, um die armseligen Lebensumstände und das Gefangensein in archaischen Bräuchen zu überwinden.