"Ich bin für den berechtigten Einfluß des deutschen Geistes im Osten, aber wo in seinem Namen gewaltsame Germanisierung versucht wird, da geißle ich diese verhängnißvollen Bestrebungen", schrieb Franzos. Sein Ideal war die Gleichberechtigung aller Völker im Osten Europas: "Ich bekämpfe den Druck, welchen die Russen auf die Kleinrussen und Polen üben, aber wo die Polen, wie in Galizien der Fall, ein Gleiches thun, da kämpfe ich gegen den Druck, welche sie den Kleinrussen, Juden und Deutschen auferlegen. Ich trete für die Juden ein, weil sie geknechtet sind, aber ich greife die Knechtschaft an, welche die orthodoxen Juden selbst den Freisinnigen ihres Glaubens bereiten." Der Zeitgeist war aber gegen ihn, der immer stärker werdende Nationalismus und Antisemitismus ließen den Traum vom friedlichen Zusammenleben der Völker platzen.

Franzos starb am 28. Jänner 1904 in Berlin, wo er am jüdischen Friedhof Weißensee beigesetzt wurde. Was blieb, war ein Werk, das untrennbar mit seiner Heimat Bukowina verbunden war. In der Erzählung "Das Zündhölzchen" konzentrieren sich die Themen, die Franzos zeit seines Lebens beschäftigten, auf wenigen Seiten. Der Autor führt uns in ein armseliges Nest irgendwo im Osten, dort "herrschen Armuth und Rohheit". Mit Hilfe von außen kann in der abgeschiedenen Gegend auch nicht gerechnet werden, denn "die Regierung thut nichts für diese armen Leute und ihre Unterthanen stehen zu tief, um sich selbst aus eigener Kraft die Bedingungen eines menschenwürdigen Daseins zu erkämpfen".

In diese von der Welt vergessene Gegend wird einer armen Familie der kleine Aaron geboren, der sich bald als überaus intelligent entpuppt. Der Bub beginnt eine Ausbildung zum Rabbiner, schlägt aber andere und unvorhergesehene Wege ein, denn "er begann zu kritisieren, was ihm bisher heilig gewesen und seiner Umgebung als unantastbar galt", kurz: Aaron wendet sich gegen die Religion und entwickelt in nächtlichen Studien eine "Abneigung gegen die streng orthodoxe Richtung".

Eine Enttäuschung

Die Familie versucht, ihn mit Schlägen wieder auf den rechten Weg zu bringen und verlobt ihn, den noch minderjährigen Buben, mit einem Mädchen aus dem Ort. Die Zwänge scheinen zu fruchten, Aaron fügt sich und schwört, nie wieder gegen den Wunsch der Eltern zu handeln. Doch was wie eine Niederlage aussieht, wird innerhalb weniger Sekunden zu einem Triumph. Kurz vor seiner Hochzeit zieht er an einem Sabbat vor der versammelten Gemeinde eine Packung Streichhölzer aus der Tasche und zündet eines der Hölzchen an. Am Sabbat Licht zu machen ist für gläubige Juden eine schwere Sünde und Aarons Vater bleibt nichts anderes übrig, als den Sohn aus dem Haus zu weisen.

Der kurze Moment, in dem das Hölzchen brannte, bringt auch übertragenes Licht in Aarons Leben: Er kann seinen Eid wahren, folgt dem Befehl des Vaters, der ihn verstößt, und gewinnt gerade dadurch seine Freiheit. Aaron weiß diese zu nutzen, denn die Erzählung endet mit einem kurzen Nachsatz, in dem der Leser erfährt, dass der Bub aus dem Getto zum Professor an einer Universität berufen wurde.

In der Erzählung über das kleine Zündhölzchen mit großer Wirkung kommt auch ein Deutscher vor, den das Schicksal in den Osten verschlagen hat und der zum Wegbegleiter des Aaron wird. Dieser Mann, der aus dem fernen, aber fortschrittlichen Deutschland kommt und den Protagonisten auf seinem Weg zu Wissen und Befreiung unterstützt, ist ein oft wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen von Franzos.

Dass er selbst, der sich stets als ein Förderer des Fortschritts sah und sich bemühte, über die deutsche Kultur die Ideale der Aufklärung in den Osten zu tragen, von Deutschland und dem dort grassierenden Nationalismus enttäuscht wurde, gehört zur Tragik im Leben des Karl Emil Franzos.

Zu Lebzeiten war er ein sehr erfolgreicher Autor, dessen Werke in vielen Auflagen gedruckt wurden. Heute ist er ein vergessener Literat, und auch die Welt, von der er erzählte, existiert nicht mehr.