Im Krieg gehen die Uhren anders. Vor knapp hundert Jahren belegten zwei für die Geschichte der Stadt Wien bedeutsame Ereignisse die buchstäbliche Wahrheit dieses Ausspruchs.

Es war im Jahr 1911, als die Lebens- und Rentenversicherungs-Gesellschaft "Der Anker" erstmals Pläne für eine prunkvolle Uhr an ihrem Firmensitz am Hohen Markt präsentierte. Unter der Leitung von Franz Matsch, renommierter Maler, Bildhauer und ehemals Professor an der Kunstgewerbeschule, sollte sie als Brücke zwischen den zwei gerade neu errichteten Gebäuden des Ankerhofes entstehen, mit einer Spannweite von zehn und einer Höhe von siebeneinhalb Metern, die Uhr selbst mit einem Durchmesser von vier Meter.

Dahinfliehende Zeit


Die Entwürfe dafür stammten von Matsch selbst, das Uhrwerk konstruierte k. u. k. Hof-Uhrmacher Franz Morawetz. Zwei Ziele galt es miteinander zu vereinen, wie eine Begleitbroschüre informierte. Man wollte sowohl "die große historische Vergangenheit Wiens in Erinnerung bringen" als auch den Intentionen der Anker-Versicherung entsprechen, "denn die Uhr, die uns zeigt, wie die Zeit rasch dahinflieht, weist auf den Wert der Lebensversicherung hin".

Eine spöttische Karikatur zur Umstellung auf die Sommerzeit in der Zeitschrift "Kikeriki", 1916. Abbildung: Sammlung Peter Payer
Eine spöttische Karikatur zur Umstellung auf die Sommerzeit in der Zeitschrift "Kikeriki", 1916. Abbildung: Sammlung Peter Payer

Gestaltung und Konstruktion der Uhr folgen bis heute dieser Programmatik: An ihrer Vorderseite sind zwölf Personen der Wiener Geschichte zu sehen, Berühmtheiten aus Kunst und Politik, die unter musikalischer Begleitung beim Betrachter vorbeiziehen: von Marc Aurel und Karl den Großen über Rudolf von Habsburg und Prinz Eugen bis zu Maria Theresia und Joseph Haydn. Jeder Person ist eine bestimmte Melodie zugeordnet, vom Nibelungenlied über "Prinz Eugen, der edle Ritter" bis zu Haydns "Kaiserhymne". Letztere sollte stets genau um zwölf Uhr mittags erklingen, hervorgebracht, wie auch die anderen Musikstücke, von einer 800 Pfeifen starken Orgel im Inneren der Brücke.

Teileröffnung der Ankeruhr, August 1915. Foto: Sammlung Peter Payer
Teileröffnung der Ankeruhr, August 1915. Foto: Sammlung Peter Payer

Der Hintergrund der Figuren wird von einem kunstvoll gefertigten runden Mosaik gebildet, in der Mitte das Wappen der Stadt Wien und den Doppeladler darstellend, begrenzt von goldenen Herzen und zwölf Wappenschilden. Gerahmt wird die zentrale Zeitanzeige von weiteren symbolischen Darstellungen: an der Basis ein von einem prächtigen Teppich überdeckter Lindwurm (Basilisk), seitwärts je ein vergoldeter Rosenstock, an der Spitze ein Kind mit Schmetterling als Allegorie für das Leben, daneben der Tod mit Sanduhr sowie - ganz zentral - die strahlende Sonne.

Die Uhr war als Gesamtkunstwerk im Jugendstil konzipiert, dem sich Matsch, vom Historismus her kommend, zugewandt hatte, wenn auch bei weitem nicht so radikal wie sein ehemaliger Freund und Kollege Gustav Klimt. Betrieben wurde die Anlage von Beginn an elektrisch, für die Nachtstunden war eine Beleuchtung mit zwölf Scheinwerfern vorgesehen.

Uhr mit "Manderln"


Ausführlich erklärten die Zeitungen Aussehen und Funktionsweise der neuen Uhr und beteuerten, dass Wien damit eine "hochmoderne Sehenswürdigkeit" erhalten würde, ein prunkvolles Wahrzeichen der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt.

Wohlwollend wurde zudem der Umstand aufgenommen, dass die Uhr ausgerechnet an Wiens ältestem Platz situiert war. Nur die Satirezeitschrift "Kikeriki" ätzte ein wenig über die "Kunstuhr mit Musik und beweglichen Manderln".

Ankündigung zur Einführung der Sommerzeit, 1916 .Abbildung.: Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung.
Ankündigung zur Einführung der Sommerzeit, 1916 .Abbildung.: Wienbibliothek im Rathaus, Plakatsammlung.

Doch es sollte anders kommen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs durchkreuzte die hochfliegenden Pläne. Der Mangel an Rohstoffen und vor allem Arbeitskräften bei den beteiligten Firmen verzögerte die Eröffnung, wie das "Deutsche Volksblatt" berichtete: "Gerade jene Fabrik, welche für die Mechanik der Uhr die Präzisionsmaschine liefern sollte, arbeitet Tag und Nacht für die Bedürfnisse unserer Armee, deren Befriedigung natürlich vorangeht."

In Aussicht stellen konnte man den bereits sehnsüchtig wartenden Wienern lediglich einen Höreindruck der bereits fertiggestellten Orgel. So bot der bekannte Organist Vinzenz Goller im Dezember 1914 eine Stunde lang "patriotische Tonstücke" dar. Tausende Menschen waren gekommen, die ergriffen der Musik lauschten, und als zum Schluss die österreichische Hymne erklang, brach die Menge in stürmische Hochrufe auf den Kaiser aus.

Generalprobe 1915


Anders als ursprünglich vorgesehen, war die Ankeruhr zu einem brandaktuellen Symbol für die Monarchie geworden. Und ungewollt spiegelte sie den Auflösungszustand, in dem sich diese befand. Denn so wie der Krieg sich stets aufs Neue um Wochen und Monate verlängerte, musste auch die offizielle Eröffnung der Uhr in der Folge "auf unbestimmte Zeit aufgeschoben werden".

Die erste wirkliche Generalprobe erfolgte sodann ein Jahr darauf, am 18. August 1915, dem Geburtstag Kaiser Franz Josephs. Nun wurde zum ersten Mal auch die Uhr in Betrieb genommen. Erneut waren tausende Zuschauer gekommen, erneut ertönten patriotische Musikstücke, bei denen die Menge ergriffen das Haupt entblößte. Und auch im darauffolgenden Jahr fand zu Ehren des Kaisers eine Wiederholung dieses Spektakels statt. Nun wusste man bereits, wie die Zeitungen meldeten, dass die Uhr "tadellos läuft". Nach Friedensschluss sollte sie, so der Plan, endgültig der Öffentlichkeit übergeben werden.