Käthe Leichter (1895-1942). - © Anonym/Imagno/picturedesk.com
Käthe Leichter (1895-1942). - © Anonym/Imagno/picturedesk.com

Bereits vor der Machtergreifung Hitlers in Deutschland hat Käthe Leichter vor den frauenfeindlichen Tendenzen des Nationalsozialismus gewarnt. "Wehe der Frau, wenn das Dritte Reich kommt", schrieb sie 1932 in der im Verlag der Wiener Volksbuchhandlung erschienenen Broschüre mit dem Titel: "100.000 Kinder auf einen Hieb - Die Frau als Zuchtstute im Dritten Reich". Drastisch listete sie auf, was Frauen unter nationalsozialistischer Herrschaft erwartet: Diskriminierung, Verdrängung von Bildung und vom Arbeitsmarkt, Reduzierung auf ihre Funktion als Gebärmaschine.

Käthe Leichter war Widerstandskämpferin und Feministin, führende Sozialdemokratin und eine der ersten Wissenschafterinnen Österreichs. In zahlreichen Artikeln, Referaten und Diskussionen bezog sie Stellung gegen Rassismus, Ungleichheit der Geschlechter, Diskriminierung des Proletariats. Sie glaubte an eine humane, friedliche Gesellschaft, und wusste als begnadete Rednerin ihre Botschaft so auszudrücken, dass sie auch von einfachen Menschen ohne große Bildung verstanden wurde. Sie starb, ermordet von den Schergen des nationalsozialistischen Regimes, bis zuletzt aufrecht und ihren Mithäftlingen Mut zusprechend, wie viele Zeitzeuginnen berichten.

Bürgerliche Herkunft


Marianne Katharina Pick, schon früh Käthe gerufen, stammte aus dem liberalen, kultivierten und wohlhabenden jüdischen Wiener Großbürgertum. Ihr Vater, der Hof- und Gerichtsadvokat Josef Pick war ein gebildeter, weit gereister Mann, an dem Käthe sehr hing. Mit ihrer Mutter Lotte Pick, die als sprachbegabt, musikalisch und unternehmungslustig geschildert wird, kam es gelegentlich zu Unstimmigkeiten, unter anderem deshalb, weil sich bereits die kleine Kathi so auffallend für das umfangreiche Dienstpersonal interessierte, was ihre Mutter in mancherlei Hinsicht als übertrieben empfand.

Tatsächlich unterschieden sich die Geschichten von unehelichen Kindern, betrunkenen, prügelnden Vätern und Ehemännern, von Armut und Arbeitslosigkeit, die ihr in der Küche und in den Dienstbotenzimmern erzählt wurden, so auffallend von ihrer eigenen Welt, dass bereits in dem Kind ein Gefühl für Ungleichheit und Ungerechtigkeit, und daraus folgend tiefes Mitleid entstand.

Der Bildungsweg Käthes war vorerst jener einer höheren Tochter: Sie besuchte das Cottage-Lyceum, galt dort als sehr begabt, gleichzeitig jedoch auch als aufmüpfig und war Rädelsführerin bei verschiedenen Protesten und Aktionen. Sie wollte studieren, aber da ihr als Frau damals in Österreich ein Jusstudium noch verwehrt war, entschloss sie sich für das Fach Staatswissenschaften, besuchte an der Wiener Universität jedoch gleichzeitig auch Vorlesungen in Wirtschaftstheorie, Agrargeschichte, Agrarpolitik und Geschichte des Sozialismus.

Nebenbei arbeitete sie drei Jahre lang mit viel Engagement und Begeisterung in einem Hort für Arbeiterkinder als Erzieherin. Hier wurde sie jetzt wirklich mit den Problemen der Proletarier konfrontiert, ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen, den elenden Wohnungen, Hunger und Not. Sie lernte Julius Ofner, den Juristen, Sozialpolitiker und bedeutenden Vertreter des Liberalismus, kennen, ebenso Friedrich Adler, der sie nach eigenen Worten endgültig zur Sozialistin machte - eine Entscheidung, über die in ihrer großbürgerlichen Familie wenig Begeisterung herrschte.

Schließlich - weil es in Wien immer noch nicht möglich war, als Frau in den von Käthe gewählten Fächern die Abschlussprüfung abzulegen - inskribierte sie im Herbst 1917 in Heidelberg, wo sie schließlich im Juli 1918 summa cum laude zum Doktor der Philosophie promovierte.

Zurück in Wien besuchte sie weitere Vorlesungen in Rechtsgeschichte und Privatrecht und schloss sich linken Studentenkreisen an, in denen sie auch ihren späteren Mann, Otto Leichter, kennen lernte. 1919 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Staatskommission für Sozialisierung unter der Leitung von Otto Bauer, damals Staatssekretär im Außenministerium, dann wurde sie Vertragsbedienstete bei dieser Kommission und zugleich Konsulentin im Finanzministe-
rium. 1921 heiratete die Sechsundzwanzigjährige Otto Leichter, der später Redakteur der "Arbeiter-Zeitung" wurde; 1925 und 1926 wurden die beiden Söhne Heinz und Franz geboren.

Frauenforschung


Als Leiterin eines eigenen Frauenreferats der Wiener Arbeiterkammer leistete sie Pionierarbeit. Bereits 1926 wurden erste Ergebnisse über die Lage von Hausgehilfinnen veröffentlicht, die allgemeine Missstände deutlich machten. 1930 gab sie das "Handbuch der Frauenarbeit in Österreich" heraus, in dem führende Funktionärinnen zu Wort kamen und das heute noch als Standardwerk gilt.

Anschließend nahm sie eine Untersuchung der industriellen Frauenarbeit in Angriff, in der die Situation der Arbeiterinnen in den Betrieben sowie ihre Leistung und Belastung als Hausfrauen und Mütter behandelt und gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit gefordert wurde - ein Ziel, das bekanntlich immer noch nicht erreicht ist.

Nach dem Bürgerkrieg 1934 ging sie zusammen mit ihrem Mann in den Untergrund und arbeitete für die illegalen "Revolutionären Sozialisten". Unter Lebensgefahr referierte sie als "Maria Mahler" bei einer Versammlung des Internationalen Frauenkomitees der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Brüssel über "Die Gewerkschaften im Faschismus". Sie verfasste zahlreiche illegale Flugblätter zum Thema "Frau und Nationalsozialismus". Im Flugblatt "Muttertag" etwa warnt sie eindringlich vor einem Krieg und formuliert unmissverständlich die Nazi-Strategien: " . . . nicht für sich, für das Vaterland sollen die Frauen Kinder gebären. Für den kommenden Krieg, für einen Krieg der faschistischen Mächte gegen die Demokratien sollen Kinder gezeugt werden . . . Kanonenfutter für die Angriffslust des italienisch-deutschen Faschismus".