Dieses Gebäude in Strebersdorf war ab 1941 Ausbildungsstätte der Kolonialpolizei. - © Historische Postkarte
Dieses Gebäude in Strebersdorf war ab 1941 Ausbildungsstätte der Kolonialpolizei. - © Historische Postkarte

Den Verlust der Kolonien, euphemistisch "Schutzgebiete" genannt, empfanden viele Deutsche in der Zwischenkriegszeit als ungerecht. Die Siegermächte von Versailles stellten prinzipiell ein "Versagen" Deutschlands als Kolonialherr fest und teilten dessen Gebiete in Afrika, Asien und der Südsee als Mandate des Völkerbunds untereinander auf.

Zur Speerspitze des Kolonialrevisionismus wurden sogenannte Kolonialvereine, für die nötige mediale Anerkennung sorgten zahlreiche höchst erfolgreiche Publikationen - wie etwa der in Südwestafrika spielende Roman "Volk ohne Raum" von Hans Grimm. So war es nur natürlich, dass die ebenso revisionistisch eingestellte NSDAP zu einem kolonialen Fürsprecher und politischen Verbündeten wurde. Zentrale Persönlichkeit dieser Bewegung war Franz Ritter von Epp. Der frühere Freikorpsführer wurde 1925 Bundesführer des Kolonialkriegerbunds und 1928 als nationalsozialistischer Kandidat Bayerns in den Reichstag gewählt. Mit der NS-Machtergreifung folgte die Gleichschaltung der Interessensvereine unter den Reichskolonialbund RKB, wobei etwaige als jüdisch angesehene frühere Vereinsmitglieder oder Kriegsveteranen ausgeschlossen wurden. Von Epp sollte als designierter Kolonialminister ab März 1939 zügig die "Wiedererlangung der Kolonien" vorantreiben.

NS-Tagung in Wien


Die zeitgenössische Faszination für Kolonien machte auch vor Österreich nicht halt. Zwar war die Donaumonarchie nur marginal am formellen Kolonialismus beteiligt, doch nun sahen viele dort ihre Zukunft. Zahlreiche Kolonialvereine gründeten sich, wobei diese von Beginn an einen starken deutschnationalen Beigeschmack aufwiesen. Diese Schlagseite verstärkte sich während des autoritären Ständestaates, der - in Folge des versuchten Juliputsches - die Nationalsozialistische Partei verboten hatte. Die Kolonialvereine wurden so vorübergehend zu einem Sammelbecken illegaler Nazis, worauf mit zeitlicher Verspätung auch diese Vereine in Österreich verboten wurden.

Nach dem März 1938 nutzte das NS-Regime koloniale Aktivitäten dazu, um in Österreich Unterstützung zu finden. Schätzungsweise fünf bis neun Prozent der Wiener Bevölkerung waren um 1940 Mitglied des Reichskolonialbundes. Schon von 16. bis 19. Mai 1939 erlebte Wien das erste koloniale NS-Großereignis: die Reichstagung des Reichskolonialbundes. Motto: "Großdeutschlands Kolonien - Großdeutschlands Recht!"

Die Organisation dieser Tagung stellte Wien vor einige Hürden: Unterkünfte für Tausende Besucher mussten bereitgestellt werden, vom Rathaus wehte die Kolonialbundfahne und die Hofreitschule gab Sondervorstellungen. Nachträglich weiß man, dass es die letzte große Zurschaustellung kolonialer Hoffnungen des RKB war - die nächste geplante Reichstagung in Danzig 1940 wurde bereits kriegsbedingt abgesagt.

In Wien schwelgt man jedoch weiterhin in Kolonialträumen. In den Räumlichkeiten der Neuen Burg fand von Juni bis Juli 1940 die Deutsche Kolonialausstellung statt, welche von einer eigens vom RKB Gau Wien gedrehten "Kolonialen Wochenschau" unterstützt wurde. Die Ausstellung selbst zeigte Themen wie "Die Rohstoffe der Kolonien; Die Schutztruppe; Koloniales Geld und Briefmarken". Parallel dazu zeigte das Naturhistorische Museum die Sonderausstellung "Ostmarkdeutsche als Forscher und Sammler in unseren Kolonien".

Neben aller Öffentlichkeitsarbeit des Kolonialbundes erarbeitete das NS-Regime konkrete Pläne zur Wiedergewinnung von Kolonien. Bereits nach der Machtergreifung machte Adolf Hitler in internationalen Zeitungen klar, dass Deutschland seine alten Gebiete zumindest in Afrika zurück- fordern würde.

Deutsches Mittelafrika


Zuallererst war die Frage zu lösen, welche Form von Kolonialismus verfolgt werden sollte. Die Rohstoff- und Siedlerkolonie in Afrika, welche der RKB sich erhoffte, oder der alte Traum der Ostkolonisierung deutscher Siedler in Europa, welche ideologisch die Gruppe um Alfred Rosenberg forderte. Dann stellte sich bei afrikanischen Territorien die Frage, ob nur die früheren Schutzgebiete gefordert werden, oder ob man nun die Vision eines deutschen Mittelafrika durchsetzen könnte.

Wichtig war auch die Frage, welches Ministerium diese künftigen Gebiete verwalten sollte. Ein neu zu schaffendes Kolonialministerium hätte erst aufgebaut werden müssen. Das Marineministerium hätte die Verwaltung übernehmen können, erschien aber zu schwach. Auf Höhe der Zeit und der Technik überlegte man, die Länder durch die Luftwaffe, also Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium, versorgen und verwalten zu lassen. Mit diesen und ähnlichen Planspielen wurden Jahre und zahlreiche Mannstunden verbracht.

Ein Machtfaktor schien vorerst kein Interesse an Kolonien zu haben: die immer einflussreicher werdende SS unter Heinrich Himmler. Als aber die Planungen mit Ausbruch des Krieges realistischer wurden, weil man die Niederlage der Westmächte erwartete, konnte gerade die SS einen Trumpf aus dem Ärmel ziehen: Die Kolonien würden eine paramilitärische Polizeitruppe brauchen. Und seit 1936 trug Himmler den Titel "Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei".