Wien. Bereits jetzt wird weltweit mit Kanälen und Rohrleitungen die Versorgung mit Trinkwasser sichergestellt, zahlreiche weitere Megaprojekte sind in Bau bzw. geplant. Forscher haben nun erstmals diese künstlichen Flüsse erfasst: Mit den bis 2050 geplanten Großprojekten soll die 26-fache jährliche Wassermenge des Rheins über mehr als 80.000 Kilometer, also zwei Mal um den Globus, transportiert werden.

Große Wassertransferanlagen sollen in vielen Ländern die Wasserversorgung gewährleisten. Hintergrund ist ein zunehmender Wassermangel in bestimmten Regionen durch Dürren sowie Wasserentnahmen durch Industrie und Landwirtschaft. Als Beispiel nennen die Forscher das 1.500 Kilometer lange Süd-Nord-Wassertransferprojekt Chinas, das den wasserreichen Süden mit dem trockenen Norden, speziell der Hauptstadt Peking, verbindet.

Studie erhob Projekte

Für ihre im Fachjournal "Frontiers in Environmental Science" veröffentlichte Arbeit haben sich die Wissenschafter um Christiane Zarfl vom Zentrum für angewandte Geowissenschaften der Universität Tübingen auf Megaprojekte konzentriert. Als solche haben sie Bauprojekte definiert, die mehr als eine Mrd. US-Dollar kosten, mindestens 190 Kilometer überwinden oder mehr als 0,23 Kubikkilometer Wasser transportieren. Den Erhebungen zufolge existieren bereits 34 derartige Megaanlagen, 76 weitere werden derzeit gebaut bzw. sind in Planung - der mit Abstand größte Teil davon in Nordamerika (34 Projekte), gefolgt von Asien (17) und Afrika (9).

Mit den geplanten bzw. in Bau befindlichen Megaprojekten sollen in Summe rund 1.900 Kubikkilometer Wasser transportiert werden, die 26-fache jährliche durchschnittliche Wassermenge des Rheins. Die Gesamtkosten aller Bauvorhaben schätzen die Forscher auf 2.700 Mrd. US-Dollar.

"Es gibt die große Hoffnung, dass wir mit ingenieurtechnischen Maßnahmen unsere Zukunftsprobleme lösen können, schaffen damit aber viele zusätzliche andere ökologische, soziale und ökonomische Probleme", erklärte der an der Studie beteiligte österreichische Gewässerökologe Klement Tockner, Chef des Wissenschaftsfonds FWF, gegenüber der APA. "Megaprojekte sind zudem Ausdruck von Macht, schränken jedoch zugleich alternative und nachhaltige Lösungsmöglichkeiten ein", so Tockner weiter.

Auch Studienautorin Oleksandra Shumilova vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, welches Tockner neun Jahre geleitet hat, verweist auf die häufigen negativen Auswirkungen, "vor allem in den Gebieten, denen Wasser entnommen wird". So geht Wasser durch Verdunstung oder Lecks verloren, Böden versalzen, Schadstoffe und invasive Arten breiten sich aus. Außerdem gebe es ein höheres Konfliktpotenzial zwischen Ländern, die dasselbe Flusseinzugsgebiet teilen.

Die Wissenschafter haben Informationen zu allen bestehenden und bis zum Jahr 2050 geplanten Großprojekten für den Wassertransport in einer Datenbank gesammelt. Dazu zählen Wassermenge, Länge, geplante und tatsächliche Kosten und der Zweck des Projekts. Sie hoffen, dass es damit leichter wird, bei künftigen Megaprojekten "Kosten und Umweltfolgen abzuschätzen und dem Nutzen gegenüberzustellen", so Zarfl.