New York/Wien. (gral/apa) "Mit dem Klimawandel befinden wir uns in großen Schwierigkeiten", hatte UN-Generalsekretär António Guterres erst im Dezember zur Eröffnung der Klimakonferenz im polnischen Kattowitz betont. Und tatsächlich scheint die Lage besorgniserregend zu sein. 2018 kam es zu einem Rekordhoch, wenn man sich die weltweiten Kohlenstoffemissionen vor Augen führt. Wissenschaft, Politik und Wirtschaft sind ob der Zukunftsaussichten für unseren Planenten regelrecht angespannt. Eine neue Studie zeigt nun erneut die Dringlichkeit zum Gegensteuern auf. Demnach könnte jener Punkt, an dem es kein Retour mehr gibt - der sogenannte Kipp-Punkt -, früher eintreten, als bisher gedacht.

Unerwünschte Konsequenzen

Die Forscher der Columbia University School of Engineering and Applied Science widmeten sich in ihrer in "Nature" publizierten Studie den klimatologischen Entwicklungen seit dem Jahr 2000. Sie zeigt, dass "normale" Klimajahre die extrem heißen und trockenen Saisonen nicht ausgleichen können. Die menschengemachten Emissionen lassen den CO2-Gehalt in der Erdatmosphäre weiter ansteigen. Dadurch kommt es zu unnatürlichen Veränderungen im gesamten Klimasystem. Die Effekte können nur teilweise von Land und Ozean vermindert werden, heißt es in der Studie.

Derzeit nehmen das Wasser und die terrestrische Biosphäre - also Wälder, Savannen und andere Landschaften - 50 Prozent dieser Kohlendioxidmengen auf. Es sei aber unklar, ob das Land auch in Zukunft diese Menge absorbieren kann, erklärt Pierre Gentine vom Earth Institute der Columbia University. "Sollte das Land das Maximum der möglichen Aufnahme von CO2 erreicht haben, könnte die Erderwärmung beschleunigt werden. Für den Menschen und seine Umgebung würde das unerwünschte Konsequenzen mit sich bringen", so der Forscher.

Würden sich Trockenheit und extreme Hitzeperioden im nächsten Jahrhundert einstellen, wären die Kontinente dazu in der Lage, zweimal soviel Kohlendioxid wie heute aufzunehmen", so Gentine.

Auslöser für Migrationswellen

Dass der Klimawandel auch für bevölkerungsrelevante Veränderungen ursächlich ist, haben Forscher der Wirtschaftsuniversität Wien und des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg ermittelt. Dürren und Wassernöte - wesentliche Auswirkungen der Erderwärmung - hätten die Unruhen, Revolutionen und Bürgerkriege in Syrien, Libyen, Tunesien und im Jemen mit ausgelöst, berichten sie im Fachblatt "Global Environmental Change". Ein Team um Raya Muttarak vom IIASA recherchierte, wann und woher die in 157 Ländern Asyl suchenden Menschen im Zeitraum 2006 bis 2015 geflüchtet sind, wie die klimatischen Bedingungen in den Heimatländern waren, und wie viele Kriegstote es dort gab. Sie speisten diese Daten in ein eigens dafür entwickeltes Modell, um herauszufinden, ob extreme Klimaereignisse mit ein Grund für die Konflikte und Fluchtbewegungen waren. Dies war bisher vermutet, aber noch nie bewiesen worden.

"Die Studie macht deutlich, dass die wachsende Zahl an Dürreperioden und Wasserknappheiten Konflikte und Krisen verstärkt", erklärt Jesus Crespo Cuaresma von der WU Wien in einer Aussendung. In Syrien etwa führten die lang anhaltende Trockenheit und Wassernot zum Ausfall der Ernte. Zahlreiche bäuerliche Familien flohen in die urbanen Gebiete, beschreibt der Forscher. Die Städte waren daraufhin massiv überbevölkert und viele Menschen fanden keine Arbeit. Der Grundstein für politische Unruhen war damit gelegt. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara sei Ähnliches vorgefallen.

In der Debatte berücksichtigen

Nun sei belegt, dass extreme klimatische Bedingungen zu Migrationsströmen führen, indem sie Konflikte auslösen und verstärken. Besonders gefährdet seien Staaten, die nicht unbedingt Vorbilder in Sachen Demokratie sind, und wo die Institutionen nicht effektiv genug funktionieren, um knappe Ressourcen bei extremen Ereignissen aufzubessern. Zudem könne man aus der Studie lernen, dass es Konsequenzen des Klimawandels gibt - wie Konflikte und forcierte Auswanderung, die bisher nicht in der moralischen Diskussion berücksichtigt wurden.