"Die Nachhaltigkeitsziele der UNO sind im politischen Alltagsgeschäft Kosmetik", entgegnete Kasparick: In faktischen Entscheidungen zu Energiefragen würden sie "null eine Rolle" spielen. "Sondern da wird ein Deal gemacht mit der Kohleindustrie und dann schaut man, dass die Konflikte möglichst klein gehalten werden." Zudem würde die Rücksichtnahme auf Koalitionspartner Entscheidungen verlangsamen. "Gerade beim Klimawandel muss man sagen: Die Politik braucht dringend klaren Druck aus der Zivilbevölkerung.

"Es gibt immer mehr Druck. Doch die Geschichte, die erzählt wird, wie unsere Welt funktioniert, ist eines der stärksten Instrumente, um den Wandel zu verhindern. Das Narrativ ist: Wachstum ist gut, immer mehr, immer besser, schneller und neuer ist gut", erklärte Laura Grossmann, Aktivistin bei der sozialen Bewegung System Change, not Climate Change!. "Wenn es nun heißt: Du musst alles ändern, will es niemand hören, zumal alternative Erzählungen, wie die Welt aussehen könnte, fehlen." Der Narrativ der Aktivistin: Jeder kann in seinem Leben eigene Schritte für den Klimaschutz setzen, anstatt "nur alle vier Jahre ein Kreuzerl zu machen und den Rest der Politik zu überlassen". Das Kreuzerl, entgegnete Lutz, sei aber das Mittel, mit dem eine Gesellschaft Politikern eine Mehrheit erteilt. Das Wahlverhalten zeige, dass die Gesellschaft nicht reif für Energiesteuern oder eine Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit auf den Autobahnen sei, "sonst hätten wir die Maßnahmen ja umgesetzt".

Medien berichten über Umweltschutz und Klimawandel, Experten reden sich die Münder fusselig. Und dennoch ist das Thema nicht wahlentscheidend und machen Marketingagenturen dafür wenig Stimmung. "Wissenschafter, Politiker und auch (US-Präsident Donald, Anm.) Trump wissen, dass der Mensch das Klima erwärmt. Sie haben nur kein Interesse an Veränderung", begründete Grossmann diesen Status quo. Fossile Energieträger seien politisch und wirtschaftlich gewollt. "Und wenn es billiger ist, zu fliegen, warum sollen wir den Zug nehmen?", sagte sie: "Wir brauchen eine Systemveränderung." Ein großes Wort. Es dreht sich um Angebot und Nachfrage, Marktmechanismen in einem liberalen Rechtsstaat und um das demokratische System, das wir kennen. Jedoch könnten nicht die Bürger die Gesamtverantwortung schultern: Darüber waren sich alle einig. Wenn nicht gehandelt wird, würden die Worte der 16-jährigen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg bitter wahr: "Euch gehen die Ausreden aus, aber mir die Zeit."