- © adobestock/B. and E. Dudziski
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Wien. Der Flieder blüht mehr als eine Woche früher als sonst, der meteorologische Frühling ist zur Halbzeit um zwei Grad wärmer als im Durchschnitt. Davon informierte die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) am Freitag. Die Entwicklung der Natur sei um etwa zehn Tage früher dran als in einem durchschnittlichen Frühling. "Damit beginnt der Vollfrühling, eine der zehn Jahreszeiten der Phänologie", sagt Helfried Scheifinger von der ZAMG. Auch der März sei einer der 15 wärmsten der Messgeschichte gewesen, weswegen Forsythie und Schlehdorn eine Woche früher blühten.

Die Entwicklungen könnten Vorboten sein für eine noch stärkere Erderwärmung als bisher erwartet. Neueste Klimaberechnungen gehen davon aus, dass Hitzewellen noch heftiger ausfallen als bisher angenommen.

Im Laufe von 40 Jahren hatten Computermodelle ein ziemlich beständiges Bild der Erderwärmung durch Kohlendioxid-Emissionen gezeichnet. Doch eine Reihe von neuen, komplexeren Klimamodellen, die Wissenschafter für die nächste globale Bewertung der Erderwärmung durch den Weltklimarat IPCC der Vereinten Nationen mit noch genaueren Messgrößen ausgestattet haben, geben Rätsel auf. Sie laufen heißer als in der Vergangenheit.

Früher Flieder als Vorbote?

Bisher hatte man angenommen, dass eine Verdoppelung von Kohlendioxid in der Atmosphäre gegenüber der vorindustriellen Zeit eine Erderwärmung von zwischen zwei und 4,5 Grad Celsius zur Folge hätte. Doch in mindestens acht Modellen der nächsten Generation, die in führenden Forschungszentren der USA, des Vereinigten Königreichs, Kanadas und Frankreichs entwickelt wurden, ist von fünf und mehr Grad die Rede. Laut dem Fachmagazin "Nature" misstrauen die Wissenschafter sogar ihren eigenen Ergebnissen. Sie suchen jenen Faktoren im Modell, die die Differenz bewirken, bevor der IPCC im Jahr 2021 die nächste globale Bestandsaufnahme vornimmt.

Einen statistischen Ausreißer schließen die Forscher aus. "Es besteht keine Frage, der Trend ist definitiv echt", zitiert das Magazin Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich: "Ob das Szenario aber realistischerweise eintreten wird, wissen wir nicht."

Wenn die Berechnungen stimmen, hätte die Welt noch weniger Zeit, um die Erderwärmung wie im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbart auf maximal zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

Viele Wissenschafter äußern sich skeptisch. Die Ergebnisse seien "nicht ausreichend, um mich zu überzeugen, betont Kate Marvel, Klimaforscherin am Goddard Institute for Space Studies der Nasa. Im Bemühen, Klimaphänomene selbst in Aerosolen und anderen winzigen Komponenten von Wolken nachzuweisen, könnten die Modelle am Leben vorbeizielen. Selbst die Autoren der neuen Modelle hegen derartige Zweifel.

Forscher der Behörde für Ozeane und Atmosphäre der Universität Princeton, wo die Klimamodelle erfunden wurden, haben die neue Generation mit Präzisionssimulationen ausgestattet. Sie mimen Wirbel und Hitzeströme direkt und geben auch das Klimaphänomen El NIno detailgetreu wieder. "Alles sieht präzise aus", sagt der beteiligte Ozeanograf Michael Winton: "Aber aus irgend einem verwirrenden Grund erwärmt sich die Welt schneller mit diesen Verbesserungen." Wenn die Modelle erst jetzt richtig rechnen, wäre das Szenario jedenfalls verheerend.