Kinder schreien. Die ältere Dame drängelt mit ihrem Einkaufswagen. "Zweite Kassa"-Rufe von hinten. Schnell raus hier. Die Lebensmittel liegen bereits auf dem Band. Es ist schon wieder passiert. Das Einkaufssackerl vergessen. Beim Griff zum Plastiksackerl taucht sofort das schlechte Gewissen auf. Lieber doch Papier nehmen? Oder diese Riesentasche mit dem hässlichen Logo?

Sind Plastiksackerl wirklich so schlecht wie ihr Ruf? Schont man die Umwelt mit Stoffbeuteln?

392.737.439 Millionen Plastiksackerl waren laut Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus 2018 in Österreich im Umlauf. Die Zahlen stammen aus dem Bericht "Vereinbarung zur Vermeidung von Tragetaschen". Rund ein Dutzend Unternehmen, darunter Rewe, Spar und Deichmann, hat diese Vereinbarung unterzeichnet. Das gemeinsam gesteckte Ziel war hoch: Bis 2019 soll die Anzahl der jährlich in Verkehr gesetzten Kunststofftaschen um die Hälfte reduziert werden. 2014 waren es noch rund 547,6 Millionen Plastiksackerl (inklusive Bio-Kunststoff). Das Ziel wurde also verfehlt. Die Gesamtzahl der in Österreich in Umlauf befindlichen Plastiksackerl schätzt Greenpeace auf rund 750 Millionen. Zusammen türmen sie die Sackerl zu einem gigantischen Müllberg.

Damit soll nun bald Schluss sein. Im Dezember 2018 hat die türkis-blaue Regierung das Ende des Plastiksackerls angekündigt. Diese Woche haben sowohl Ex-Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) als auch SPÖ Anträge zu einem Verbot in den Nationalrat eingebracht. Laut Volkspartei sollen damit 5000 bis 7000 Tonnen Plastik eingespart werden. Die leichten "Obstsackerl" sollen nicht verboten werden, sofern sie biologisch abbaubar sind und aus mehrheitlich nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden. Der Vorschlag der SPÖ geht noch einen Schritt weiter. Die Sozialdemokraten wollen bis 2025 ein Viertel weniger Plastikverpackungen als noch 2016. Beide Anträge sehen ein Plastiksackerlverbot ab 1. Jänner 2020 vor.

Zahl der Papiersackerl nimmt rapide zu

Plastiksackerl werden meist aus Polyethylen hergestellt, einem erdölbasierten Stoff. Doch die Erdölressourcen sind endlich. Im Vergleich zum Papiersackerl schneidet das aus Plastik aber in der Ökobilanz besser ab. Diese Bilanz gibt an, welche Umweltauswirkungen ein Produkt von der Herstellung über die Nutzung bis zur Entsorgung verursacht. Mehrwegglasflaschen haben etwa eine bessere Ökobilanz als Einwegdosen und -flaschen.

"Um die gleiche Menge an Produkten transportieren zu können, braucht man beim Papiersackerl deutlich mehr Material", sagt Bernhard Wohner von der FH Campus Wien für Verpackungs- und Ressourcenmanagement. Das Papier reißt leichter, die Nutzungsdauer ist kürzer. Es landet schneller im Müll. Laut deutscher Umwelthilfe lohnt sich ein Papiersackerl erst dann, wenn dieses drei bis viermal weiterbenutzt wird. Wie die Zahlen aus dem Bericht zeigen, hat sich die Anzahl der Papiersackerl mehr als verdoppelt: Von knapp 20 Millionen 2014 auf 51 Millionen im vergangenen Jahr.

Papiersackerl haben also einen relativ großen ökologischen Fußabdruck. Aber was ist mit Kunststoff aus nachwachsenden Rohstoffen? Wohner sieht diesen Herstellungsprozess kritisch. Denn die Basis dieses Kunststoffs ist Zuckerrohr, das zum Beispiel in Brasilien oder China angebaut wird. Beim Anbau kommen Düngemittel und Pestizide zum Einsatz, außerdem wird der Boden belastet. Polyethylen-Sackerl aus Zuckerrohr "weisen in der Gesamtbetrachtung keine erheblichen Vorteile gegenüber solchen aus fossilem Rohöl auf und sind somit keine umweltfreundliche Alternative", schreibt dazu die deutsche Umwelthilfe. Die beste Ökobilanz bei den Einwegsackerl haben laut Wohner jene aus recyceltem Kunststoff.

Doch nicht so ökologisch

"Grundsätzlich darf man Einweg nicht durch Einweg ersetzen, sonst tauscht man nur das Material aus, aber der Müllberg wird nicht kleiner", sagt Nunu Kaller von Greenpeace. Sie plädiert für Mehrwert-Alternativen aus Bio-Baumwolle, etwa Stoffsackerl. Der Baumwollbeutel ist nicht nur Modeaccessoire für Hipster, sondern auch mit einem ökologisch gutem Gewissen verbunden. Soll heißen: Wer ein Sackerl trägt, trägt Verantwortung. Doch ganz so ökologisch sind die Stoffbeutel nicht. "Die Herstellung der Baumwolle ist im Vergleich zu Papier und Kunststoffen viel Energie- und Ressourcenintensiver", sagt Verpackungsexperte Wohner. Im Gegensatz zu Bio-Baumwolle wird beim konventionellen Anbau auf Pestizide gesetzt, der Boden versauert. Die Baumwollpflanze benötigt sehr viel Wasser. Um die ökologischen Kosten zu amortisieren, muss das Sackerl rund 80 Mal verwendet werden. Allerdings, so gibt Kaller zu bedenken, sei es nicht ökologisch, 20 Stofftaschen zu Hause zu horten. "Besser ist es, eine oder zwei Taschen im Wechsel zu verwenden." Zahlen zu Stoffsackerl in Umlauf sind nicht bekannt, da sie nicht erhoben werden.

Eine vierte Alternative bilden die Mehrwegtaschen aus Kunststoffen wie Polyester oder PET (Polyenterephtalat). Laut Umwelthilfe reichen drei Nutzungen, um den ökologischen Fußabdruck gutzumachen. Die Taschen sind stabil und werden zum Großteil aus recyceltem Material wie etwa alten PET-Flaschen hergestellt. Nunu Kaller von Greenpeace sieht die Materialdiskussion grundsätzlich zweitranging: "Wichtig ist: Mehrweg vor Einweg."