Verlässlich zum Frühlingsbeginn ist die Wiener Ringstraße in frisches, helles Grün getaucht. Wenn andere Bäume noch kahl sind, blüht der Spitzahorn bereits. Er ist der häufigste Baum in Wien. 26 Prozent aller Straßen- und Parkbäume sind Ahorne. Rund 600 Exemplare stehen am Ring. Doch der Spitzahorn kommt mit den extremen Verhältnissen der vergangenen Jahre nicht zurecht. "Der Baum ist gestresst. Er verliert oft schon Ende Juli, Anfang August die Blätter", sagt Hawliczek. Und so finden sich in den Ahornreihen an der Ringstraße immer öfter auch Zürgelbäume. Sie sollen die Ahorne auf lange Sicht ablösen.

Der Zürgelbaum – auch Celtis australis - ist der Rocky Balboa unter den Bäumen. Hitze, Abgase, knochenharte Böden, Streusalz - nichts wirft den Zürgelbaum um. Er ist auch unter dem Namen "Steinbrecher" bekannt. Seine robusten Wurzeln sprießen selbst in Felsspalten. Sein hartes - aber biegsames - Holz wurde früher für stark beanspruchte Werkzeuge, Wagenräder, Ruder verwendet. Ursprünglich wuchs er im Süden Europas, in Afrika, in der Türkei. Heute wird er oft in zentraleuropäischen Metropolen gepflanzt. "Er ist kräftig, wird mit zehn bis 20 Metern nicht allzu hoch, hat eine ausladende Krone und bildet eine fantastische Grünkulisse", sagt Hawliczek. 450 Stück säumen mittlerweile die Ringstraße. Auf der Franzensbrückenstraße wirft eine Allee von Zürgelbäumen kühlende Schatten auf die Fahrbahn.

"Die Kastanie hat ausgedient"

Hundert Meter weiter liegen grüne, stachelige Kugeln auf der Hauptallee im Prater. Hier regiert seit hunderten Jahren die Gewöhnliche Rosskastanie. In sechs stolzen Reihen stehen die monumentalen Bäume neben der schnurgeraden Promenade. Einige von ihnen sind über 150 Jahre alt. Wie der Spitzahorn ist die Rosskastanie ein Wiener Klassiker. Mit einem Anteil von zwölf Prozent ist sie nach der Linde (17 Prozent) der dritthäufigste Straßenbaum. Noch - denn wie der Spitzahorn hat auch sie ein Problem. Seit 20 Jahren frisst sich die Miniermotte durch die Kastanienbäume der Stadt. Der Falter liebt die Hitze. Die Kastanie hasst sie. Die Bäume sind geschwächt und können sich gegen die Eindringlinge nicht wehren. Die sattgrünen, vielfingrigen Blätter bilden braune Einschlüsse, in denen die Larven des Schädlings nisten. Ein biologisches Pflanzenschutzmittel soll den Befall eindämmen, zumindest im Prater. Hochdrucksprühgerätebenetzen die mächtigen Kronen mit dem Präparat. Nur noch auf historischen Alleen wie hier, wo das Ensemble erhalten bleiben soll, setzen die Stadtgärtner weiter Kastanien. "Überall sonst hat sie als Straßenbaum ausgedient", sagt Hawliczek. "Wir haben uns vom Kastanienbaum als Neupflanzung verabschiedet."

Auf der Hauptallee im Prater regiert seit hunderten Jahren die Gewöhnliche Rosskastanie. - © Matthias Winterer
Auf der Hauptallee im Prater regiert seit hunderten Jahren die Gewöhnliche Rosskastanie. - © Matthias Winterer

Spitzahorn und Rosskastanie sind nicht allein. Viele altgediente Wiener Baumsorten sind den extremen Bedingungen der Stadt längst nicht mehr gewachsen. Die Stadtgärtner haben ihr Sortiment bereits vor Jahren umgestellt. Das wird das Stadtbild entscheidend verändern. Neben Platanen, Eschen und dem Zürgelbaum kommen auch andere Exoten wie der Japanische Schnurbaum oder die Chinesische Wildbirne vermehrt zum Einsatz. Doch die Wahl des Baumes ist nur eine Seite der Medaille.