Ob ein Baum gedeiht, ist von zwei Faktoren abhängig: Wasser und Sauerstoff. Von beidem haben Bäume im dicht versiegelten Stadtgebiet tendenziell zu wenig. Sie mit beidem zu versorgen, ist die Herausforderung der Stadtgärtner – vor allem während anhaltender Hitzewellen und Trockenphasen wie im heurigen Juni. Doch so wie jede Krise birgt auch die Klimakrise Chancen – Chancen auf Innovation.

Die Krise bringt Innovation

Die Seestadt ist eine "Schwammstadt". Das behaupten die Werbestrategen der Wiener Stadtregierung. Das Schlagwort beschreibt eine neue Methode, Bäume zu bewässern und ihre Wurzeln zu belüften. In der Seestadt Aspern wurde sie erstmals eingesetzt. "Die verdichteten Böden an Straßen sind denkbar schlecht für die Wurzelstöcke der Bäume", sagt Hawliczek. "Sie bekommen kaum Luft, verkümmern, sterben oft ab." Deshalb wurden die Straßen der Seestadt wie ein Schwamm mit einem Gemisch aus Steinen, Splitt und Kompost unterfüttert. In die Hohlräume wird Feinmaterial geschwemmt. Der Boden saugt das Wasser auf und speichert es. Gleichzeitig kann überschüssiges Wasser bei Starkregen ungehindert abfließen. Das Konzept geht auf. Die jungen Bäume in Aspern sind voluminös und gesund.

Was in den neu geplanten Quartieren funktioniert, ist im historischen Bestand schwierig. Hier fehlt der Schwamm. Hier quälen sich die Wurzeln durch knochenhartes Erdreich. Der Beton über ihnen trennt sie vom Regenwasser, das in irgendeinem Abguss verschwindet. Die Stadtgärtner feilen daran, die Bedingungen zu verbessern. Sie haben ein spezielles Substrat entwickelt. Das grobkörnige Wiener Gemisch aus Schotter, Sand und Kompost wird in jede neue Baumgrube gekippt. Es spendet dem Baum möglichst lange Luft und Nässe. Über tausend Bewässerungssysteme helfen den Bäumen der Stadt außerdem. Um junge Stämme wickeln sich seit wenigen Jahren sogenannte Gießsäcke. Viereinhalbtausend Stück gibt es in Wien. "Sie geben das Wasser langsam ab. So bleibt der Wurzelstock anhaltend feucht", sagt Hawliczek.

Seit 20 Jahren frisst sich die Miniermotte durch die Kastanienbäume der Stadt. Der Falter liebt die Hitze. Die Kastanie hasst sie. - © Matthias Winterer
Seit 20 Jahren frisst sich die Miniermotte durch die Kastanienbäume der Stadt. Der Falter liebt die Hitze. Die Kastanie hasst sie. - © Matthias Winterer

Neue Baumsorten, ausgeklügelte Bewässerungssysteme, Substrat, Innovation und der politische Wille, viel Geld in die Hand zu nehmen. Der Straßenbaum hat als Klimaheld überzeugt. Unter dem Druck der permanenten Hochwetterlage hat sich die Stadt um Hilfe bittend an ihn gewandt. Wird er uns retten? Wird nun im großen Stil aufgeforstet? Duftet es in der Wollzeile schon bald nach Moos und Pilzen? Werden im Museumsquartier Rehe zwischen asiatischen Baumriesen grasen? Eichhörnchen über begrünte Fassaden zischen? Eulen ihre Köpfe nach Autos am Gürtel umdrehen? Kommt der Wald tatsächlich in die Stadt?

Der Kampf um Raum