Wien. Trotz sommerlicher Hitze sind alpine Höhen über weite Flächen immer noch winterweiß. Das schneereiche Wetter 2018/19 hielt lange und konserviert vielerorts das Gletschereis nach wie vor. Nach vorläufigen Messungen lagen nach dem Winterhalbjahr im Mai 20 bis 40 Prozent mehr Schnee auf den Gletschern als im langjährigen Mittel, betont der Glaziologe Andreas Bauder von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Die Schweizer Alpengletscher hätten somit gute Chancen auf ein weniger verlustreiches Jahr.

Vorsichtig optimistisch äußert sich Kay Helfricht vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Zum jetzigen Zeitpunkt sieht es weniger schlecht aus als in anderen Jahren, weil viele Gletscherflächen noch großflächig mit Schnee bedeckt sind. Wenn es aber weiterhin so heiß bleibt wie jetzt, kann sich das Spiel schnell umdrehen", sagt der Innsbrucker Glaziologe.

Die Jahresbilanz der Gletscherschmelze wird Ende September gezogen. Dabei kommen unterschiedliche Parameter zur Anwendung. Die Energiebilanz der Alpengletscher etwa ist abhängig davon, wie viel kurzwellige Energie der Sonne sie direkt reflektieren oder aufnehmen. "Solange Schnee liegt, wird weniger Energie in Schmelze umgesetzt als auf schneefreiem Gletschereis", erklärt Helfricht und nennt Zahlen: Bei Neuschnee werden 90 und bei Altschnee 50 bis 60 Prozent der Strahlung reflektiert. Wenn allerdings das darunterliegende, dunkle Gletschereis zum Vorschein kommt, wirft der Kees nur noch 20 Prozent der Sonnenenergie wieder zurück und schmilzt dann erheblich schneller.

Eine dicke Schneedecke kommt auch den Meeresgletschern zugute. Dieser auch Gezeitengletscher genannte Typus von ewigem Eis mündet aus Alaska, Kanada, den Anden, Grönland und den Polargebieten ins Meer. Was ihn betrifft, haben US-Forscher schlechte Nachrichten: Die Meeresgletscher schmelzen in ihrer Zunge weitaus schneller als die Klimamodelle vorhersagen und könnten daher zu einem noch stärkeren Anstieg des Meeresspiegels beitragen als bisher angenommen, berichtet das Team im Fachjournal "Science".

Später Schnee bietet Schutz

Die Forschenden der Rutgers University im US-Staat New Jersey und der Oregon State University haben den Le-Compte-Gletscher in den Westcoast Mountains Kanadas erstmals unter Wasser vermessen. Da diese Gebirgskette mit Spitzen von bis zu 5000 Metern sehr hohe Niederschlagsmengen abbekommt, bewegt der Le-Compte-Gletscher Schnee- und Eismassen mit einer Geschwindigkeit von 20 bis 25 Metern pro Tag von den oberen Regionen nach unten. In einem relativ engen Bereich wird somit sehr viel Material verschoben.

Würde von oben genau so viel nachkommen wie unten ins Meer abgeht, würde der Gletscher in seiner Form gleichbleiben. Doch dem ist nicht so. David Sutherland und seine Kollegen untersuchten die Region um die Gletscherzunge mit einem Fächer-Sonar, der mit Schallwellen den Meeresgrund abtastet und so eine Karte des Ozeanbodens zeichnet.

Im August 2016 und im Mai 2017 maßen die Ozeanographen weitaus höhere Abschmelzraten als bisher angenommen. An extremen Tagen schmolz das Eis sogar 100 Mal stärker ab als vorhergesagt. Besonders viel Schmelzwasser bildete sich im Monat August. Im Hochsommer wich die Gletscherzunge trotz des enormen Massenachschubs von oben um bis zu acht Meter zurück. Der Rückgang war besonders stark in den Tiefen, wo wärmeres Meerwasser den Gletscher von unten aushöhlte, während aufsteigendes Schmelzwasser weiter oben das "Kalben", also das Abbrechen, von Eismassen verstärkte.

"Die Meeresgletscher weltweit gehen zurück, wodurch sich der Meeressspiegel anhebt", wird Studienautorin Rebecca Jackson in einer Aussendung ihrer Universität zitiert. "Unsere Messungen zeigen, dass die Eisschmelze und die Meeresaktivität enger zusammenwirken als bisher angenommen" - die Langzeit-Auswirkungen sind noch unbekannt.