Genf. Die Welt muss einem UN-Bericht zufolge ihre Essgewohnheiten und die Landwirtschaft deutlich umstellen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Andernfalls seien Lebensmittelsicherheit, Gesundheit und Artenvielfalt in Gefahr, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Sonderbericht des Weltklimarats zu den Konsequenzen des Klimawandels an Land.

Das weltweite Bevölkerungswachstum und ein verändertes Konsumverhalten hätten zu einem nie dagewesenen Verbrauch von Land und Wasser geführt. Landwirtschaft und Essverhalten müssten sich daher stark ändern, forderten die Vereinten Nation. Sie gingen allerdings nicht so weit, eine fleischlose Ernährung zu empfehlen. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Weltklimarat in seinem ersten Sonderbericht gewarnt, rasche Veränderungen seien nötig, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen statt der zwei Grad, die im Pariser Weltklimaabkommen vereinbart worden waren.

Würde sich die Weltbevölkerung stärker von pflanzlichen und nachhaltig produzierten tierischen Lebensmitteln ernähren, könnten bis 2050 mehrere Millionen Quadratkilometer Land renaturiert werden, heißt es in dem Bericht. Der jährliche Kohlendioxid-Ausstoß könnte damit um 0,7 bis acht Gigatonnen sinken.

Verglichen wurden die Zeiträume 1850 bis 1900 und 2006 bis 2015. Seit der industriellen Revolution sei die Temperatur über Land bereits um 1,53 Grad Celsius gestiegen, zwei Mal so stark wie die weltweite Durchschnittstemperatur. Dies habe vermehrte Hitzewellen, Dürren und Starkregen ausgelöst sowie eine Verschlechterung des Bodens und Verwüstungen. Die Menschheit nutze 70 Prozent der weltweiten eisfreien Erdoberfläche, für 70 Prozent des Wasserverbrauchs sei die Landwirtschaft verantwortlich.

Besserer Schutz für Wälder und Moore gefordert

Der Weltklimarat empfiehlt in seinem Bericht dringend, im Kampf gegen eine weitere Erwärmung der Erde die Wälder und nicht zuletzt die Moore besser zu schützen. Zugleich sieht der IPCC Gefahren für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln. "Die Stabilität des Nahrungsmittel-Angebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, welche die Lebensmittelproduktion beeinträchtigen, steigen wird." Es gehe auch darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine ausgewogene Ernährung, die verstärkt auf Gemüse und Getreide setze, könne dazu beitragen, die Kohlendioxid-Emissionen wesentlich zu senken.

Die Land- und Forstwirtschaft steuert laut IPCC rund 23 Prozent der vom Menschen verursachten Treibhausgase bei. "Hier liegt sehr viel Potenzial", sagte die deutsche Co-Autorin des Berichts, Almut Arneth aus Karlsruhe. Generell mache der Bericht deutlich, dass die Ressource Land begrenzt sei. "Wir können nicht weitermachen wie bisher." Sehr skeptisch sei sie, dass die im Bericht auch thematisierten Aufforstungen bis hin zu Bioenergie-Plantagen ein guter Weg seien. Laut IPCC leben rund 500 Millionen Menschen in Gebieten, die von Versteppung bedroht sind. Diese Regionen seien umso anfälliger für Wetterextreme wie Dürren, Hitzewellen und Staubstürme.

Landkonflikte drohen

Der Bericht steht im Zeichen des Pariser Klimaabkommens. Darin wurde 2015 das Ziel festgelegt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dazu müssten die Staaten den Netto-Ausstoß ihrer Treibhausgase stark reduzieren. Um das zu schaffen, wollen einige Experten große Flächen für Wälder nutzen, welche die Treibhausgase aus der Atmosphäre binden können. In Verbindung mit dem Ziel der Lebensmittelsicherheit für die gesamte Bevölkerung drohen so Landkonflikte - zusätzlich zu den Entwicklungen, die der Klimawandel bereits jetzt ausgelöst hat.

Die Forscher hatten zunächst eine große wissenschaftliche Analyse erarbeitet, deren Zusammenfassung in Genf seit vergangenem Freitag intensiv beraten wurde. Die vor allem politischen Delegierten einigten sich dabei auf den nun veröffentlichten Bericht, der somit auch von den IPCC-Mitgliedsländern anerkannt ist. Die Dringlichkeit des Thema verdeutlichte zu Wochenbeginn nicht zuletzt die Mitteilung des Klimawandelsdienstes Copernicus, dass der Juli 2019 global gesehen der heißeste Monat seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880 war.

Autorität in Sachen Klimawandel

Der Weltklimarat hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer Autorität in Sachen Klimawandel entwickelt. Auch wenn der IPCC die meiste Zeit "still" vor sich hin arbeitet, um aus einer Vielzahl von Studien und Statistiken die neuesten Erkenntnisse zum Klimawandel zusammenzutragen, gibt er mit solchen Berichten immer wieder wichtige Impulse in der Klima-Debatte. Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wurde 1988 von der UN-Umweltorganisation (UNEP) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik neutral über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und über mögliche Gegenmaßnahmen zu informieren. Dem IPCC gehören 195 Staaten an. Sie entsenden Experten, die eigenständig Berichte erstellen und das letzte Wort darüber haben.

Das Gremium mit Sitz in Genf wird seit 2015 von dem Südkoreaner Hoesung Lee geleitet, einem Experten für die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Die IPCC-Berichte werden von tausenden Wissenschaftern zusammengestellt, darunter neben Klima- und Meeresforschern auch Statistiker, Ökonomen und Gesundheitsexperten.

Der IPCC betreibt keine eigene Forschung zum Klimawandel, sondern wertet tausende Studien aus und fasst die zentralen Erkenntnisse daraus zusammen. Die verwendeten Studien haben im Regelfall das sogenannte Peer-Review-Verfahren durchlaufen - sind also von anderen Wissenschaftern begutachtet worden. Ausnahmen sind nur in begründeten Fällen zulässig, etwa bei regionalen Studien ohne externe Begutachtung oder speziellen amtlichen Statistiken.

Außedem gibt es mehrere tausend beim IPCC registrierte wissenschaftliche Gutachter, die zu allen Aussagen in den Berichten Kommentare oder Kritik einreichen können. Alle fünf bis sechs Jahre veröffentlicht der IPCC umfassende Überblicke über den aktuellen Stand der Klimaforschung, die in der Regel etwa 1.500 Seiten stark sind. Der erste IPCC-Bericht wurde 1990 veröffentlicht.

Die regulären Berichte werden von je drei Arbeitsgruppen zusammengestellt: Eine legt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel dar, die zweite beleuchtet die Folgen der Erderwärmung - und die dritte zeigt Handlungsoptionen auf.

Sonderbericht zu Weltmeeren folgt

Abgesehen von diesen regulären Veröffentlichungen erstellt der Weltklimarat auch Sonderberichte zu bestimmten Aspekten des Klimawandels. So soll auf den aktuellen Report zur Landnutzung bereits im September dieses Jahres ein weiterer Sonderbericht zu den Veränderungen der Weltmeere und der Permafrostgebiete folgen.

Zu jedem Bericht fertigt der IPCC eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger an. Diese wird jeweils in mehreren Runden redigiert - erst von Wissenschaftern, dann von Regierungsvertretern. Der abschließende Entwurf der Berichtszusammenfassung wird dem IPCC-Plenum vorgelegt, das den Text Zeile für Zeile durchgeht und ihn schließlich im Konsens verabschiedet.

Regierungen können Änderungen an der Zusammenfassung erwirken - allerdings nur, wenn die neuen Formulierungen durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Bericht gedeckt sind. Der IPCC wird dafür gelobt, dass er Entscheidungsträgern mit seiner eingehenden Untersuchung des Klimawandels wichtige und zuverlässige Informationen bereitstellt. 2007 wurde das Gremium zusammen mit dem früheren US-Vizepräsidenten und Klimaschutz-Vorkämpfer Al Gore mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Mit kleineren Fehlern in seinen Berichten lieferte der IPCC allerdings immer wieder Skeptikern Munition, welche die Kompetenz des Gremiums anzweifeln und ihm Befangenheit vorwerfen. Einige Wissenschafter werfen dem IPCC vor, bei der Bewertung von Risiken zu konservativ zu sein und damit zu einer Unterschätzung der Gefahren durch den Klimawandel beizutragen. (apa, afp, dpa, reuters)