Iqaluit. Vor 40 Jahren war die Welt von Mary Ellen Thomas noch eine ganz andere: Am 1. Juli, dem Nationalfeiertag Kanadas, reiste sie mit dem Hundeschlitten oder einem Schneemobil immer von Iqaluit über das Eis in das 100 Meilen entfernte Kuyait zu einem Familientreffen. Doch schon 25 Jahre später gab es große Lücken, die Strecke war nur noch zur Hälfte auf Eis passierbar, erinnert sich Thomas.

Will man heute an einem 1. Juli nach Kuyait, muss man ein Boot nehmen. Thomas ist Forscherin am Nunavut Reaerch Institute Iqaluit, der nur 8.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der arktischen Region Nunavut, die der deutsche Außenminister Heiko Maas am Mittwoch und Donnerstag besuchte. Auf einer großen runden Karte auf dem Fußboden mit dem Nordpol in der Mitte zeigt sie dem Gast aus Deutschland die riesige Fläche des Arktischen Ozeans, an den fünf Länder grenzen: Kanada, Russland, die USA, Norwegen und Grönland, das zu Dänemark gehört.

Die Inuit-Siedling Kugluktuk liegt in Nordkanada. Die Erderwärmung ist hier spürbar: durch stärkere Winde, kürzere Winter und der Schmelze des arktisches Eises. - © APAweb, afp, Clement Sabourin
Die Inuit-Siedling Kugluktuk liegt in Nordkanada. Die Erderwärmung ist hier spürbar: durch stärkere Winde, kürzere Winter und der Schmelze des arktisches Eises. - © APAweb, afp, Clement Sabourin

Die Eisfläche, die einen Teil des Meeres auch im Sommer bedeckt, war vor 50 Jahren noch doppelt so groß. Und auch die Dicke des Eises hat sich seitdem halbiert. Sprich: Von der Eismasse ist nur noch ein Viertel übrig. Für die Ureinwohner dieser Gegend geht diese sichtbarste und wohl auch dramatischste Folge der Erderwärmung an den Kern ihres Daseins. Siku Miut nennen sie sich, das "Volk aus dem Eis des Meeres". Aber: "Ohne Meereseis haben sie kaum eine Identität. Das ist, wer sie sind", sagt Thomas.

Schlamm statt Gletscher

Zwei Flugstunden nördlich von Iqaluit macht sich Maas am Donnerstag selbst ein Bild von der arktischen Eisschmelze. Pond Inlet, eine kleine Siedlung des indigenen Inuit-Volkes mit 1.700 Einwohnern, liegt nördlich des Polarkreises. Die kanadische Hauptstadt Ottawa ist mehr als 3.040 Kilometer von hier entfernt, der Nordpol dagegen nur 1.932. Als Maas am Vormittag ankommt, sind es trotzdem schon acht Grad, später sollen es zwölf werden. Es ist so warm, dass die Kinder in einem kleinen Tümpel im Ort baden gehen.

Mit einem Boot fährt Maas nach Bylot Island. Der mächtige Sermilik-Gletscher auf Bylot erreichte in den 1950er-Jahren noch das Ufer des Polarmeeres. Die Älteren im Dorf erzählen, dass er das Meer sogar überlagerte. Heute muss Maas 40 Minuten über Schlamm, Geröll und Eis wandern, bis er den Gletscherrand erreicht.