Wien. Geht es um die Gewinnung sauberer Energie, kann sich Österreich mit seiner Energiequelle Wasser rühmen. Mit einem Anteil von rund 50 Prozent ist diese laut Oesterreichs Energie, der Interessenvertretung der E-Wirtschaft, für die Stromversorgung am bedeutendsten. Gleichzeitig zerstört genau diese Art der Energiegewinnung Flüsse und Ökosysteme. Langfristig könnte die Wasserkraft, deren massiver Ausbau in die 70er Jahre zurückreicht, in Zeiten niedriger Wasserstände zudem gefährdet sein – und somit als grüne Alternative zur Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen ohnehin an Bedeutung verlieren.

Im Vorfelde der weltweit größten Wasserkonferenz von 25. bis 30. August in Stockholm warnt der WWF Österreich vor den fatalen Folgen für die Ressource Süßwasser durch Hitze und unzureichendes Wassermanagement. Die "fortschreitende Naturzerstörung" verringere zudem die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen gegen Extremwetterereignisse, Trockenheit und Dürre, heißt es – ein Teufelskreis. "Ökologisch kaputten Gewässern muss neues Leben eingehaucht, und intakte Gewässer müssen geschützt werden", sagt Bettina Urbanek, Gewässerexpertin des WWF Österreich.

Wind- und Solarenergie statt Wasserkraft?

Statt auf Wasserkraft zu bauen, müssten daher Wind- und Solarenergie forciert werden, fordert der Süßwasserexperte Philipp Wagnitz vom WWF Deutschland. Die Zeit dränge. Denn laut dem aktuellen WWF-Bericht "Risiko Dürre – Der weltweite Durst nach Wasser in Zeiten der Klimakrise" sind bereits mindestens acht Prozent von Europas Landmasse von Wüstenbildung betroffen. Mehr als 56 Prozent der natürlichen Feuchtgebiete sind seit dem 18. Jahrhundert verloren gegangen, die meisten in den vergangenen 100 Jahren. Europaweit sind 60 Prozent der verbliebenen Flüsse und Feuchtgebiete in einem schlechten ökologischen Zustand.

Dieser Anteil gilt auch für Österreich. Lediglich 15 Prozent sind hier laut WWF ökologisch intakt. Die Wasserpolitik sollte durch die EU-Wasserrahmenrichtlinie grundlegend reformiert werden. Diese trat im Jahr 2000 in Kraft und zielt darauf ab, dass spätestens bis 2027 alle Oberflächengewässer in einem guten ökologischen und chemischen Zustand und bis dahin bei Bedarf renaturiert worden sind. Erheblich veränderte oder künstliche Gewässer sollen "ein gutes ökologisches Potenzial" aufweisen.

Finanzierung vonseiten des Bundes gestoppt

Die Finanzierung vonseiten des Bundes wurde jedoch gestoppt. Waren im ersten Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan (NGP) von 2009 bis 2015 noch je 25 Millionen pro Jahr für ökologische Maßnahmen für Gewässer vorgesehen, ist dieser Topf im zweiten NGP bis 2021 trockengelegt.Urbanek hofft daher auf Regionalprogramme: Zuletzt hat Oberösterreich nach Niederösterreich und der Steiermark ein solches zum Schutz von ökologisch wertvollen Gewässerstrecken verabschiedet.

Was die EU-Wasserrahmenrichtlinie betrifft, befürchten Umweltschutzorganisationen nämlich, dass Wirtschafts- und Industrielobbys Stimmung dagegen machen und sich die Ziele nach hinten verschieben: zum Beispiel Grenzwerte für Abwässer aus der Industrie oder Dünger aus der Landwirtschaft.

Mit Wind- und Sonnenenergie allein "werden wir in Österreich die Energiewende aber nicht schaffen", sagt Ernst Brandstetter von Oesterreichs Energie. Schon jetzt sei das Ziel, dass der Strom bis 2030 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien kommt, "ambitioniert" – aktuell sind es 70 Prozent. Den Berechnungen von Oesterreichs Energie zufolge müsste man die Stromerzeugung aus Erneuerbaren um 30 Terawattstunden (TWh) pro Jahr erhöhen, um das 2030-Ziel zu erreichen. Der Stromverbrauch wird demnach bis dahin von 65 TWh auf 88 TWh steigen. "Wenn man die Potenziale, die wir haben, vergleicht", so Brandstetter, "müssten dann sechs bis acht TWh aus Wasserkraft kommen, je elf bis 13 aus Wind und Photovoltaik und zwei aus Biomasse." Neue Wasserkraftwerke würden sehr wenige gebaut, und dann freilich nur nach strenger Umweltverträglichkeitsprüfung. Ganz ohne Wasserkraft werde es jedenfalls nicht funktionieren – vor allem deshalb, weil Wind und Sonne nicht rund um die Uhr Energie erzeugen.