Die Wiener Zeitung hat mit Martin Visbek, Professor für physikalische Ozeanographie am Goemar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, über Ansätze für die Bewältigung der Klimakrise gesprochen.

"Wiener Zeitung": Seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie ist es um den Klimawandel wieder stiller geworden. Wird die Erderwärmung derzeit auch in der Wissenschaft vernachlässigt?

Martin Visbek: Natürlich nicht. Der Klimawandel schreitet langfristig voran. Er ist keine Pandemie, die über Nacht mit großer Wucht einschlägt und - wie wir hoffen- nach ein oder zwei Jahren wieder verschwindet. Was beide aber gemeinsam haben, ist, dass man über sie denken kann, was man will, am Ende zählen die Fakten. Infektionsgeschehen ist Infektionsgeschehen und ein Virus interessiert sich überhaupt nicht für alternative Fakten. Zudem lassen sich Probleme wie Pandemien, Klimawandel oder Artensterben nur durch globale Zusammenarbeit lösen.

Während des Lockdown sind die Schadstoff-Belastungen in Städten geschrumpft. Haben wir daraus gelernt, unsere Systeme in Richtung Nachhaltigkeit umzubauen?

Teils teils. Die individuelle Reaktion war, zu schauen, dass man mit dem Lockdown klarkommt, obwohl es in einigen Branchen echte Überlebenssorgen gab und gibt. Das letzte, an das diese Leute vermutlich denken, ist, ob etwas dem Klimaschutz irgendwie hilft. Dennoch hat die Welt die Chance, zu schauen, welche Systeme sie wieder hochfahren will, um wieder auf die Beine zu kommen. Diese Richtungsleitung kann man nutzen, um beim Klimaschutz voranzukommen. Die Chance liegt darin, zu sagen: Wo sind wir resilient, wo vulnerabel? Wollen wir das Wirtschaftssystem dahin zurückbauen, wo es war, oder möchten wir etwas bauen, das zukunftsfähig ist?

Bei den Technologiegesprächen in Alpbach sind Sie Teil eines Arbeitskreises zum Europäischen Green Deal, wonach Europa mit einer neuen Wachstumsstrategie bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freisetzen will. Wie realistisch ist es, den Klimawandel mit Innovationen bekämpfen zu wollen? Kommen wir wirklich darum herum, uns einzuschränken?

Natürlich ist es schlauer, die Ursachen zu bekämpfen. Dennoch ist der Green Deal eine kluge Antwort in Europa zur Veränderung der Energiesysteme. Denn wir haben gesehen, dass individueller Klimaschutz nur kleine Veränderungen bringt: Am Höhepunkt des Lockdown, als kaum jemand ins Flugzeug stieg, sank der CO2-Ausstoß gerade einmal um vier bis fünf Prozent. Die großen Veränderungen sind systemisch: Wie bauen wir unsere Energiesysteme und Mobilitätsbedürfnisse so um, dass sie weniger Emissionen verursachen? Ob man das komplett schafft, weiß ich nicht, auf jeden Fall ist es eine 50-Jahres-Aufgabe. Alles Handeln im europäischen Kontext soll unter dem Blickpunkt der Zukunftsfähigkeit überprüft werden. Zugleich ist Innovation nicht auf Technik zu reduzieren. Wir müssen genau so soziale Innovation tätigen. Wir müssen uns also fragen, wie wir leben und welchen Luxus wir uns leisten wollen, und ob wir etwas wirklich für uns tun oder ob wir uns nur auf eine bestimmte Weise sehen wollen.

Welche Schritte und Maßnahmen machen einen Unterschied?

Ich bin ein Freund der CO2-Steuer (Umweltsteuer auf die Emission von Kohlendioxid, Anm.), weil sie den großen Vorteil hat, dass alle Aktivitäten, bei denen CO2 ausgestoßen wird, teurer werden. Das heißt nicht per se, dass wir es nicht machen werden, aber sehr wohl, dass wir abwägen müssen. Und darum geht es. Wenn Reisen, Autofahren oder schlecht isolierte Fenster durch diese Steuer teurer werden, fährt man seltener oder baut andere ein. Das System kann uns einen sparsamen Umgang mit CO2 bei Wohnen, Heizen oder Essen anbieten, denn es hat den Hebel, von vielen zu wenigen Problemen zu kommen.

Martin Visbek ist Professor für physikalische Ozeanographie am Goemar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Bei den Alpbacher Technologiegesprächen referiert er im Arbeitskreis "Klima und Umwelt". - © Geomar
Martin Visbek ist Professor für physikalische Ozeanographie am Goemar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Bei den Alpbacher Technologiegesprächen referiert er im Arbeitskreis "Klima und Umwelt". - © Geomar

Und welche Innovationen könnten das Klimaproblem beheben?

Die Institute der Helmholtz Gemeinschaft suchen nach Systemlösungen. Wir erforschend das Klimasystem, um Aussagen treffen zu können, welche Maßnahme in welchem Ausmaß hilft. Unter anderem untersuchen wir, wie man aktiv in die Umwelt eingreifen könnte, um sie dazu zu bringen, mehr CO2 aufzunehmen als normalerweise. Solche Negativ-Emissionen könnten etwa erreicht werden, indem wir Bäume, Seegraswiesen, Algen im Meer oder Mangrovenwälder pflanzen.

Das könnte bedeuten, dass wir eine neue Kulturlandschaft schaffen, damit wir unsere Vielflieger-Programme weiter ausnützen können. Gibt es keine Bedenken, dass neue Pflanzen neue Arten mitbringen?

Diese Bedenken teile ich komplett. Jeder gezielte Eingriff in die Natur hat Nachteile und wenn man Arten einführt, können sie ganz wilde Sachen machen. Es wäre nicht meine erste Lösung. Aber es ist eine, wenn wir die durch Emissionen verursachten Schäden nicht akzeptieren wollen. Alle Energiesysteme auf nachhaltig umzustellen wird nicht im Handumdrehen funktionieren.

Grönlands Eisschild verzeichnete 2019 einen Rekord-Massenverlust. Forschen Sie als Ozeanograf an einer Lösung gegen die Eisschmelze, den Anstieg des Meeresspiegels und die Erwärmung der Meere?

Eis ist ein sensibles Thema: Zwei Grad mehr und es ist weg. Im Geoengineering werden heute fast alle Alpengletscher von touristischem Wert im Sommer mit weißer Plastikfolie überzogen, damit sie nicht abschmelzen - mit mehr oder weniger Erfolg. Freilich könnten wir auch einen Teil der Schmelze verhindern, wenn wir ganz Grönland mit Plastik einbetten würden, aber die Dimensionen sind so groß. Zugleich macht uns dieser Eispanzer deswegen Sorgen, weil mehr als die Hälfte des Meeresspiegelanstiegs vom Abschmelzen des Ewigen Eises kommt. Rein technisch gesehen könnten wir auch Substanzen in die Stratosphäre bringen, die das Sonnenlicht stark reflektieren. Was den Ozean betrifft, forschen wir an Pumpen im Meer, die mit Solarzellen betrieben kaltes Wasser aus 200 Meter nach oben pumpen. Kaltes Wasser nimmt mehr CO2 aus der Luft auf als warmes und das reduziert die Erwärmung der Meere.