2004 sah Gabriela Krist die buddhistische Tempelanlage in Nako zum ersten Mal. Nako ist ein Bergdorf auf 3.700 Metern Seehöhe im Himalaya, abgeschieden und geprägt vom trockenen Klima dieser Bergwelt. Die Tempelanlage stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist wie alle Gebäude des Dorfes aus Lehm gebaut. Seit 2004 werden Tempel und Dorf erforscht und restauriert. "Schon 2009, 2010 konnten wir sehen, was der Klimawandel bewirkt", sagt Gabriela Krist. "Plötzlich waren die Sommer nicht mehr trocken, der Regen ließ Gebäude einstürzen."

Der Klimawandel, sagt die Restauratorin, sei eine der größten Herausforderungen für ihren Beruf und den Erhalt von Kulturgut. Auch in Europa. Krist nennt ein Beispiel: "Wenn die Winter nicht mehr richtig kalt sind und die Temperaturen permanent zwischen minus ein und plus drei Grad schwanken, setzt das Stein im Außenbereich enorm zu. Materialermüdung, Dehnung und Schrumpfung - das sind einige der Klimawandelfolgen, auf die wir uns wirklich vorbereiten müssen."

Eine Frau mit weißen Haaren und Kurzhaarfrisur und einer großen runden Brille mit schwarzem Rahmen sitzt an einem weißen Tisch in einem großen hellen Raum. Im Hintergrund des Bildes sind zwei hohe Altbaufenster zu sehen. Die Sonne scheint in den Raum. Auf dem Tisch steht eine weiße kleine Kaffetasse. Die Frau hat die linke Hand auf der Rückenlehne des grauen Stuhls auf dem sie sitzt, abgestützt. Die Hände sind rautenförmig zueinander gewandt, sie erklärt etwas. Am linken Arm trägt sie eine Uhr. Sie trägt ein leuchtend orange farbenes Kleid mit einem Stehkragen und eine doppelreihige Perlenkette und Ohrringe. Die Frau hat blaue Augen und schaut aus dem Bild hinaus auf einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin. Sie blickt freundlich und engagiert. - © Heidrun Henke
Gabriela Krist. Sie leitet das Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst Wien. Das Studium brauche die intensive Auseinandersetzung mit dem Objekt, sagt sie. - © Heidrun Henke

Gabriela Krist hat den Unesco-Lehrstuhl für die Erhaltung von Kulturerbe inne und leitet das Institut für Konservierung und Restaurierung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Wir haben mit ihr über den Beruf des Restauratoren und die Folgen des Klimawandels gesprochen.

Expertise für extreme Zeiten

Wer Restauratorin oder Restaurator werden will, lässt sich auf ein Studium mit ausgeprägtem Praxisbezug ein: Die Tätigkeit erfordert theoretisches Wissen, etwa Kenntnisse der Chemie und der Kunstgeschichte, aber vor allem verlangt der Beruf Übung und Erfahrung im Umgang mit Objekten aller Art - mit Gemälden, Skulpturen, mit historischer Bekleidung und Gebrauchsgegenständen, mit Möbeln, Schmuck, Gebäuden und Bodenfunden. Die Ansprüche an die Studierenden sind hoch. Die Frage ist, ob künftige Generationen den Folgen des Klimawandels gewachsen sein können.

Studiengänge für Konservierung und Restaurierung sind in Europa relativ rar: In Österreich bietet außer der Angewandten auch die Akademie der bildenden Künste das Studium an, in Deutschland gibt es etwa in Stuttgart oder Köln die Möglichkeit, ebenso in der Schweiz in Bern.

Anders als in Wien, wo das Restauratoren-Studium mit einem Diplom abgeschlossen wird, haben sich im deutschsprachigen Raum Bachelor und Master durchgesetzt. Krist sieht diese Entwicklung nicht unbedingt positiv: "Restaurierung bedarf der intensiven Auseinandersetzung mit dem Objekt, das ist aus unserer Sicht in drei Jahren nicht zu bewerkstelligen", sagt sie.

In Wien machen jedes Jahr im Februar rund sechzig Anwärter die Aufnahmeprüfung, nur zehn können aufgenommen werden.

Ein hochformatiges sehr großes altes Gemälde wird von einem Strahler angestrahlt. Das Gemälde zeigt eine Frau in stehender Position in einem barocken Kleid. Die Frau trägt eine Perücke oder eine Frisur aus weißen Haaren die zu gdrehten Locken aufgetürmmt sind. Die Haare werden mit einem roten Band am Oberkopf zusammengehalten. In ihrer linken Hand hält sie etwas, das aber nicht erkennbar ist. Der linke Arm ist abgewinkelt, die Hand ist in etwa auf der Höhe ihres Halses. Das Kleid ist hell mit einem roten Innenfutter am Rock, das zum Teil zu sehen ist. Das Kleid ist nahezu schulterfrei mit einem tiefen Dekolltee und dreiviertel langen Ärmeln. Die Taille ist sehr schmal. Der Rock des Kleides ist sehr weit, bodenlang, mit einer geleben Bordüre. Der Hintergrund des Gemäldes ist dunkel und man kann im linken oberen Drittel eine Landschaft und den Himmel erkennen. Die Frau scheint auf einem Balkon oder einer Terrasse eines herrschaftlichen Hauses zu stehen. Links unten im Bild ist die Brüstung eines Balkons, einer Freitreppe oder Terrasse zu erkennen. - © Heidrun Henke
Ausleuchtung eines Gemäldes am Institut für Konservierung und Restaurierung der Universität für angewandte Kunst in Wien. Das Diplomstudium dauert fünf Jahre. Zu Beginn lernt man, eine Bestandsaufnahme des Zustandes eines Objekts zu machen. Für die zukünftigen Restauratoren sind die Folgen des Klimawandels auf Kulturgüter noch nicht absehbar. Es fehlt an Forschung. - © Heidrun Henke

An der Angewandten ist die restauratorische Praxis als zentrales künstlerisches Fach definiert, an zwei vollen Tagen in der Woche wird an Original-Objekten gearbeitet. Beginnend mit einfachen Problemstellungen, etwa der Reinigung einer Oberfläche mit einem Wattestäbchen, werden die Praxisaufgaben von Jahr zu Jahr komplexer und mit ihnen die eingesetzten Technologien. Innerhalb von fünf Jahren arbeiten sich die Studierenden gewissermaßen vom Wattestäbchen bis zum Rasterelektronenmikroskop und Computertomografen vor. Auch Naturwissenschaften, etwa für chemische Analysen, spielen eine Rolle. "Bevor man Hand anlegt, muss man verstehen, um welches Material es sich handelt und wie es verarbeitet wurde", sagt Krist und weist noch auf die Bedeutung der Geisteswissenschaften hin: "Jeder Studierende muss fähig sein, ein Objekt ordnungsgemäß kunsthistorisch zu beschreiben und in einen kulturgeschichtlichen Kontext zu stellen."

Das Institut an der Universität für angewandte Kunst in Wien ist international ausgerichtet, ein Schwerpunkt ist der Erhalt von Weltkulturerbe. So sind Studierende und Forschende seit 2015 im Tal von Kathmandu in Nepal tätig, um Erdbebenhilfe zu leisten und die Kulturschätze wenn möglich zu retten.

Nahaufnahme eines modernen abstrakten Gemäldes mit einem großen Loch in der Leinwand. Das Gemälde ist abstrakt, es ist weiß mit schwarzen Linien wie Feldbegrenzungen. Es sind rosafarbene Kleckse zu sehen. Das Loch mit der fehlenden Stelle in der Leindwand ist gelb. Es sieht so aus, als sei die Farbe abgeblättert. Von dem gelben Loch zieht sich ein kleiner Riss. Loch und Riss haben die Form einer Kaulquappe. - © Heidrun Henke
Eine große Fehlstelle auf der Leinwand eines zeitgenössischen Gemäldes. Die Restaurierung soll in diesem Fall auch dazu beitragen, dass diese Schäden sich nicht an anderen Stellen wiederholen können. - © Heidrun Henke

Der Klimawandel ist eine stetige und stetig größer werdende Bedrohung für Kulturgüter auf der ganzen Welt. Während des ersten Lockdowns hat Krist diese schleichende Bedrohung zu einem Schwerpunkt der Online-Lehre gemacht. Studierende konnten in Arbeitsgruppen zu dem Thema forschen und Strategien entwickeln. "Herausgekommen ist, dass wir eigentlich noch zu wenig wissen. Wir brauchen viel mehr Forschung" meint Krist.

Einhausung als letzte Chance für Skulpturen?

Während Innenräume entsprechend der erwartbaren Klimawandelfolgen umgerüstet werden können, stellt der Außenbereich ein besonderes Risiko dar. "Es wird vielleicht auch dazu kommen, dass bestimmte Objekte durch eine Kopie ersetzt werden müssen und das Original in den Innenraum ausweicehn muss", meint Krist. Bei extrem gefährdetem Kulturgut könnte dies die letzte Chance sein, es zu bewahren.

Andere Objekte müssen möglicherweise in den Wintermonaten umhüllt oder eingehaust werden, um sie vor dem veränderten Klima zu schützen, für das sie nicht geschaffen wurden. Ein Unterfangen, das leichter gesagt als getan ist:"Schön ist das manchmal nicht, und Einhausungen müssen gut gemacht sein, denn wenn sie schlecht konzipiert sind, können sie auch Schaden anrichten", sagt Krist.

Eine Dissertantin des Instituts beschäftigt sich derzeit  mit Alternativen zur Einhausung von Skulpturen: Eine zu prüfende Idee ist etwa, Steinobjekte mit einer Schutzschicht aus Kalk und Sand zu schlämmen - eine historische Technik. Eine andere Idee sind spezielle textile Verkleidungen. Über allem aber schwebt die offene Frage, was ein Mehr an Kohlendioxid in der Luft ganz generell mit Stein macht. "Das ist noch zu wenig erforscht."

Drei Petrischalen stehen nebeneinander aufgereiht. Sie sind von oben zu sehen. Die Petrischalen sind durchsichtig, haben einen Deckel und mit kleinen schmalen weißen Aufklebern versehen. Auf den Aufklebern ist handschriftlich etwas geschrieben, das aber nicht zu entziffern ist. In der linken Petrischale befinden sich kleine blaue Fragmente von etwas. In der mittleren Schale sind ockerfarbene udn graue Schnipsel zu sehen. In den rechten Schale befinden sich wenige weiß-graue Schnipsel udn ein ockerfarbenes Fragment. - © Heidrun Henke
Abgeblätterte Farbe wird sorgfältig in eigens beschrifteten Behältern aufbewahrt. - © Heidrun Henke

Die Klimaperspektive hat auch die Frage dringlich werden lassen, wie nachhaltig denn eigentlich die Konservierung und Restaurierung selbst sind oder vielmehr handeln. Die Corona-Krise habe ihr gezeigt, dass es "einfach nicht nötig ist, für ein paar Stunden nach Salzburg zu einem Treffen zu fahren", so Krist. "Vieles lässt sich Online auch gut besprechen."

Während der Energieaufwand, der etwa für die Temperierung in Museen, Sammlungen und Depots entsteht, bereits länger kritisch diskutiert wird, sieht Krist Handlungsbedarf bei den eingesetzten Materialien - sowohl aus ökologischen wie auch aus ökonomischen Gründen. Häufig werden für die Lagerung von Objekten im Depot Vliese, Folien oder Boxen verwendet, deren Ausgangsprodukte in der Regel aus Erdöl hergestellt werden und oft nur mit hohem Energieaufwand recycelt werden können. "Wäre es da nicht sinnvoll, in manchen Fällen zur althergebrachten Baumwolle zu greifen?", fragt Krist. "Gerade in Corona-Zeiten sollte man sich fragen, ob wir diese teuren Materialien wirklich zur Deponierung verwenden wollen oder ob wir nicht nachhaltiger denken müssen."