Unter anderem Klimaforschung, Landwirtschaft und Stadtplanung haben der Europäischen Raumfahrtorganisation (ESA) bereits viel zu verdanken: Dass dieser November der heißeste aller Zeiten war, wo auf der Erde Waldbrände wüten oder Flutkatastrophen drohen, der Anstieg der Meeresspiegel, die Drift abbrechender Eisschilde, die Hitzeinseln der Städte - dieses Wissen beruht wesentlich auf Daten von Satelliten aus dem Copernicus-Programm der ESA.

Bei einer Online-Pressekonferenz am Freitag anlässlich der Vorstellung des designierten neuen Generaldirektors der ESA, Josef Aschbacher, verwies Klimaschutzministerin Leonore Gewessler auf den Stellenwert der Weltraumforschung für den Klimaschutz. "Der Erfolg unseres Kampfes gegen den Klimawandel hängt davon ab, wie gut wir das System Erde verstehen." In Josef Aschbacher habe sie den entsprechenden Sparringpartner für diese Mission gefunden: "Es ist eine Ehre und Freude, dass die ESA in den nächsten Jahren von einem so kompetenten Österreicher geleitet wird", sagte sie.

Digitaler Zwilling der Erde

Aschbacher will den Klima-Schwerpunkt der ESA fortsetzen und stärken. Der derzeitige ESA-Direktor für Erdbeobachtungsprogramme, darunter Copernicus, wurde diese Woche vom ESA-Rat einstimmig zum nächsten Generaldirektor gewählt. "Wir sorgen mit unseren Daten dafür, dass Klimaabkommen implementiert und überwacht werden können", sagte der gebürtige Tiroler, der sein neues Amt im Sommer 2021 antreten wird. Er wolle insbesondere Österreich dabei unterstützen, sein Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden, auch zu erreichen.

Eines der Vorhaben, Aschbacher sprach von "Flagship-Projekten in der Größe von Galileo oder Copernicus", ist ein Mammut-Projekt: Ein digitaler Zwilling der Erde soll es mithilfe Künstlicher Intelligenz ermöglichen, komplexe Simulationen zu rechnen, um die Effekte auch kleinster Parameter auf das Klima genau zu prognostizieren. "Wie wirkt es sich zum Beispiel auf die Bodenfeuchte aus, wenn ich statt Weizen Roggen anbaue?", nannte Aschbacher, der selbst aus einer Bergbauernfamilie stammt, ein Beispiel.

"Digital Twin Earth" ist ein Projekt, das die ESA im September beschlossen hat und das ebenfalls auf der Erdbeobachtung von Copernicus beruht.

"Täglich erreichen uns 20 Terabyte an Daten aus der Erdbeobachtung", erläuterte Ministerin Leonore Gewessler. Diese Daten sollen in neue Produkte und Dienstleistungen einfließen, die dem Klima nützen und qualifizierte Arbeitsplätze in Österreich schaffen. Bereits jetzt investiere ihr Ressort jährlich 70 Millionen Euro in die Erforschung des Weltraums, zwei Drittel davon gehen an die ESA, erklärte die Ministerin. Weitere sechs Millionen Euro sollen aus dem Konjunkturpaket in die Programme der ESA fließen. Dieses Geld komme letztlich innovativen Unternehmen und der Spitzenforschung in Österreich zugute, so Gewessler.

Österreichisches Know-how

Österreichische Spitzenforschung ist ein essenzieller Bestandteil der europäischen Weltraum-Technologie. In dem kürzlich ins All gestarteten Satelliten "Sentinel 6 Michael Freilich" (benannt nach dem ehemaligen Nasa-Direktor der Abteilung für Erdbeobachtung), der die Ozeane der Erde beobachten und kartieren soll, steckt viel Know-how aus Österreich: So stammen die Navigationsempfänger zur Positionsbestimmung von "Sentinel 6" von Österreichs größtem Weltraumunternehmen RUAG Space in Wien. RUAG hat auch die Thermalisolation geliefert, die den Satelliten vor der extremen Kälte und Hitze im Weltall schützen soll.

Gewessler will nach eigenen Aussagen Österreich bei der ESA mehr Gewicht geben. Die Erdbeobachtung solle auch im heimischen Weltraumprogramm ASAP ein Schwerpunkt sein, kündigte sie an. Von den Aufwendungen für die ESA fließen jedes Jahr bereits rund zehn Millionen Euro in die Erdbeobachtung, bei ASAP sei ein Fördervolumen von 7,7 Millionen Euro für Erdbeobachtung und die Anwendung von Daten und Dienstleistungen aus diesen Programmen vorgesehen. Dies seien "Investitionen im Kampf gegen die Klimakrise", erklärte Gewessler und nannte zwei konkrete Projekte, für die Daten von "Sentinel 6" eingesetzt werden: die Vermessung der Schneebedeckung der nördlichen Hemisphäre der Erde und die großflächige Beobachtung der Bodenfeuchte, Letzteres ein Projekt der TU Wien.

Faszination Weltall

Selbst einst von der Mondlandung in den Bann gezogen, möchte der neue ESA-Chef etwas von seiner Faszination an Bürger und Bürgerinnen weitergeben, wie er bei der Pressekonferenz hervorhob. "Der Weltraum ist nichts Abstraktes", sagte Aschbacher. Jeder und jede könne von dem Wissen, dass durch die Weltraumforschung entsteht, profitieren. Aschbacher kündigte daher an, die Klima-Daten "interaktiver" zur Verfügung stellen zu wollen, sodass Bürger eigene Abfragen machen könnten. Was sein konkretes Arbeitsprogramm im Detail beträfe, bat der designierte ESA-Chef allerdings noch um Geduld.